Jemanden brutal erschießen…

Gerade bin ich im Fernsehen über einen Satz gestolpert, in dem es hieß, jemand wurde (Zitat) „brutal erschossen“.

Spontan stellte ich mir die Frage, ob es dann auch sowas wie „normal erschossen“ gibt. Und aus eigener Erfahrung – in meinem Beruf hatte ich es schon mit Opfern von Gewalttaten zu tun – würde ich sagen: nein. Erschießen ist immer brutal. „Brutalität“ umschreibt rohes, grausames, gewalttätiges Verhalten. Wenn einem ein Metallgeschoss mit hoher Geschwindigkeit in den Körper getrieben und man davon so schwer verletzt wird, dass man stirbt, dann ist das per se roh, grausam und gewalttätig. Das Adjektiv „brutal“ macht daraus einen etwas zynischen Pleonasmus.

Warum also diese Worthülse? Hat man vielleicht die Befürchtung, die Grausamkeit eines Verbrechens würde nicht deutlich genug sein? Unachtsamkeit, weil man gar nicht merkt, wie merkwürdig diese Wortkombination ist? Oder gibt es Medienschaffende, die schon nichts anderes mehr gewohnt sind, als dramatische Dinge noch mehr zu dramatisieren? Sind es wir, die Zuschauer, die in der „Sinnflut“, die täglich über uns hereinbricht, so abstumpfen, dass es einer solchen Dramatisierung bedarf, um bei uns Anteilnahme zu wecken?

Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt ist das das erste Mal, dass mir sowas aufgefallen ist. Ich frage mich, wie viel da schon an mir vorbeigegangen ist, ohne dass ich es gemerkt habe. Und das bringt mich ins Grübeln.

Monty Python’s “Die Blogger der Kokosnuss”

Im Blog von endl.de ist eine sehr schöne Idee ausgearbeitet, nämlich bekannte Stellen aus Monty-Python-Filmen (oder TV-Shows) in „Blogger-Situationen“ umzuschreiben. Dort hat man das mit einer Szene aus „Das Leben des Brian“ gemacht und dazu aufgerufen, selbst etwas zu schreiben. Als Fan von Monty Python kann ich mir eine solche Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen, nehme allerdings einen anderen Film:

7. Szene: Eine Wiese. Im Hintergrund ist eine Burg zu sehen, das „Castle of V.i.S.d.P.“, das allerdings verlassen zu sein scheint. Artus, der Chefredakteur, kommt des Wegs, hinter ihm sein Gefolgsmann Patsy, der zwei Kokosnüsse im Takt zusammenschlägt, um die Hufe eines Pferdes zu imitieren. Im Vordergrund schuftet sich ein Blogger auf seinen Knien ab und versucht mit bloßen Händen und einem Zweig, den Boden umzugraben. Etwas weiter ist eine Bloggerin zu sehen. Artus und Patsy reiten heran und kommen vor dem Blogger zum Stehen.

  • He! Alte Frau!
  • [dreht sich um] Ich bin ’n Mann!
  • Tut mir leid. Alter Mann, welcher Redakteur lebt dort in der Burg?
  • Ich bin siebenunddreißig.
  • Wie bitte?
  • Ich bin erst siebenunddreißig… Ich bin nicht alt.
  • Das tut mir leid, ich wusste nicht, wie ich dich anreden soll.
  • So sagt Dennis zu mir.
  • Das wusste ich nicht, dass du Dennis heißt.
  • Gefällt euch „Winkelried“ besser?
  • Nein, ich mag Namen, die auf „-is“ enden, Dennis, Willis, Isis…
  • Deswegen müsst ihr doch nicht gleich anfangen, Ostfriesenwitze zu erzählen. Was macht ihr denn so den Tag über?
  • Nun, ich bin Chefredakteur.
  • Ach, Chefredakteur sein ist auch nicht abendfüllend. Wie seid ihr das geworden, Chefredakteur? Ich wette, ihr habt den ersten Platz beim „Wolken-um-die-Ecke-schieben“ gemacht! Oder seid ihr der beste beim Sprücheklopfen, etwa mit „My Home is in Kassel“? Ihr klammert euch an ein überholtes imperialistisches Dogma, das die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit in dieser Gesellschaft aufrechterhält. Wenn es jemals irgendeinen Fortschritt geben soll …
  • [sie kommt dazu] Hier drüben gibt es richtig schönen Dung … Oh! Guten Tag.
  • Guten Tag, gute Frau … Ich bin Artus, der Chefredakteur… Kannst du mir sagen, wer dort in der Burg wohnt?
  • Chefredakteur der was?
  • Der Journalisten.
  • Wer sind denn die Journalisten?
  • Wir alle… Wir sind alle Journalisten, die wir für die Öffentlichkeit schreiben und berichten… Und ich bin euer Chefredakteur.
  • Ich wusste gar nicht, dass wir einen Chefredakteur haben. Ich dachte, wir seien ein autonomes Kollektiv.
  • Du machst dir was vor. Wir leben in einer Diktatur, in einer sich selbst erhaltenden Autokratie, die der Arbeiterklasse…
  • Fängst du schon wieder an mit deiner „klassenlosen Gesellschaft“?
  • Aber nur darum geht es doch. Wenn bloß…
  • [unterbricht ihn] Ihr guten Leute, ich bitt‘ euch, ich habe es eilig. Welcher Redakteur wohnt dort in der Burg?
  • Da wohnt niemand.
  • Aber wer ist dann euer Herr?
  • Wir haben keinen Herrn.
  • Was?
  • Ich hab’s euch doch gesagt, wir sind Blogger! Eine anarcho-syndikalistische Kommune, und jeder von uns darf schreiben und berichten. Außerdem darf jeder mal abwechselnd für eine Woche „Vierte Gewalt“ spielen.
  • Ja…
  • Wir schreiben gern über aktuelle Politik, aber eigentlich zur Hauptsache nur selbstreferenzielles Zeug…
  • Ja, verstehe …
  • … und lesen auch mal in anderen Blogs nach, um Artikel über deren Artikel zu schreiben…
  • Schweig.
  • … oder aber wir schreiben über das, was wir gerade tun, Wasser trinken, auf der Toilette sitzen, schlafen…
  • Schweig! Ich befehle dir, den Mund zu halten!
  • Befehlen, wie? Was glaubt er eigentlich, wer er ist?
  • Ich bin euer Chefredakteur.
  • Also, ich hab Euch nicht gewählt.
  • Chefredakteure werden nicht gewählt.
  • Und wie seid Ihr dann Chefredakteur geworden, mh?
  • Die Dame des Presserechts, deren Arm in feinste Seide schimmernd gekleidet war, hob sich aus den Tiefen des Wassers empor und reichte mir das Zepter, um also kundzutun, dass ich, Artus, durch göttliche Vorsehung bestimmt sei … Darum bin ich euer Chefredakteur .
  • Hört mal, komische Frauen, die rücklings in Teichen liegen und Zepter austeilen – das ist doch keine Basis für die unabhängige Kontrolle von einem Regierungssystem. Die „Vierte Gewalt“ muss einem Mandat der Massen entspringen und nicht irgendeiner verlogenen Wasserzeremonie.
  • Schweig still!
  • Glaubt ihr etwa, ihr habt die Macht, nur weil eine dahergelaufene Wasserschlampe euch mit’m Zepter zugewinkt hat?
  • Halt den Mund!
  • Ich mein, wenn ich durch die Gegend laufen und behaupten würde, ich sei der große Herrscher, weil mir irgend so eine angefeuchtete Schnepfe ein Zepter hinterhergeschmissen hätte – die Leute würden doch mit der Zwangsjacke kommen.
  • [packt ihn am Kragen] Wirst du jetzt endlich dein Maul halten? Halt dein Maul!
  • [laut] Aha! Da sehen wir die Gewalt, auf die sich das System der traditionellen Medien stützt!
  • Halt’s Maul!
  • [weitere Blogger werden von dem Geschrei angelockt und beobachten das Geschehen] Kommt und seht euch die Gewalt an, auf die sich das System stützt. Hilfe, Hilfe, ich werde unterdrückt!
  • Blöder Blogger! [er stößt Dennis in den Dreck und schickt sich an weiterzureiten]
  • Ohooo! Habt ihr das gehört? Habt ihr gesehen, wie er mich unterdrückt hat?
  • Los jetzt, Patsy [Sie reiten davon. Die Kamera zieht auf.]
  • [im Hintergrund verschwindend] Habt ihr alle gesehen, wie er mich unterdrückt hat? Ich hab’s euch doch die ganze Zeit gesagt …

Soweit mein Beitrag zum Thema, inspiriert durch einige Diskussionen und Äußerungen von Journalisten in letzter Zeit. Aber es ist alles reine Fiktion, Ähnlichkeiten mit realen Personen wäre zufällig. Vielleicht auch unvermeidlich.

Noch weitere Wortmeldungen?

Dein Grundgesetz für zu Hause!

Szene: Zwei Männer, Jones und Smith, betreten die Bühne. Sie reden im Original offenbar Englisch, sind aber sehr schlecht Deutsch synchronisiert.

Hallo Jones!

Hallo Smith! Hallo Publikum!

[Publikum applaudiert]

Jones, wie ist das, hast Du Dich schon mal rechtlos gefühlt?

Nun, Smith, das ist wahr, auch ich habe ich schon mal rechtlos gefühlt!

Und Du wusstest nicht, was Du tun konntest oder durftest?

Das ist richtig, ich wusste nicht, was ich tun konnte oder durfte.

Kamst Du Dir so richtig hilflos vor?

Ja, ich kam mir so richtig hilflos vor.

Aber Jones, das muss nicht sein!

Das muss echt nicht sein?

Nein, denn da gibt es doch was!

Da gibt es was? Was gibt es denn da?

[er holt ein Buch heraus] Da gibt es das GRUNDGESETZ!

Wow, das hätt‘ ich nicht gedacht. Wann kann ich denn so ein Grundgesetz verwenden?

Das ist das Tolle: Du kannst es immer und überall verweden, egal, ob bei der Meinungsfreiheit, der Versammlungsfreiheit, der Religionsfreiheit. Es passt überall.

Es ist unglaublich! Ich muss mir an den Kopf fassen! Aber sag doch mal, so ein Grundgesetz, das überall gilt, das ist doch bestimmt unheimlich teuer!

Da liegst Du falsch, denn der Preis ist das Sensationelle daran: Es kostet Dich gar nichts!

Nichts? Wirklich nichts? Was ist mit Porto?

Auch nichts! Dieser wunderschöne und passgenaue Artikel ist vollkommen kostenlos.

[Publikum tobt]

Also, liebe Zuschauer, bestellen Sie noch heute bis zu 3 kostenlose Grundgesetze für zu Hause.

Ja, denn ich finde, jeder sollte eins haben!

Im Blog von Karan wurde eine nette Idee aufgebracht: Beim Bundestag kann jeder bis zu drei Exemplare des Grundgesetzes bestellen. Und da es bei all den Schnellschüssen zum Thema „Innere Sicherheit“ wichtig ist, sich zu erinnern, welche guten Sachen einstmals in diesem Gesetz beschlossen wurden, sollte jeder davon Gebrauch machen. Der Vorschlag lautet, 3 Stück zu bestellen, von denen man eins behält und die anderen beiden weitergibt. Daraus entstand dann wiederum der Vorschlag (in den Kommentaren von Karans Blog nachzulesen), eines dieser Exemplare an Innenminister Schäuble zu schicken – nur zur Erinnerung. 🙂

Was man mit den zwei zusätzlichen Exemplaren tut, bleibt jedem selbst überlassen. Und sich selbst einmal wieder damit zu befassen, die Idee finde ich gut und gebe Sie hiermit weiter. Und ich hoffe, sie wird noch weiter getragen. Das Grundgesetz in gedruckter Form kann man hier direkt online bestellen, Karans Blog habe ich oben bereits verlinkt.

Nachtrag (Update): Inzwischen hat sich das ganze zu einer Aktion ausgewachsen, an der sich über 200 Blogs beteiligen, sowie inzwischen auch Foren. Gleichwohl meldet das Referat „Öffentlichkeitsarbeit“ des Deutschen Bundestages, noch genügend Exemplare auf Lager zu haben (Quelle: hier). Grund genug für diesen Nachtrag – in einem Kommentar kam schon der Aufruf, sich an der Aktion „Grundgesetz für Schäuble“ zu beteiligen. Das soll hiermit nochmal bekräftigt werden. Informationen über die ganze Aktion, sowie die nötigen Adressen finden sich hier.