Über die Wiederverwendung von FFP2-Masken und einigen Mythen, Gerüchten und Beleidigungen

Wenn ein Wortbeitrag mit den Worten „Wie blöd ist die Menschheit eigentlich?“ anfängt, lohnt es sich in den meisten Fällen nicht, noch weiterzulesen. Der Ton ist schon gesetzt: Alle sind blöd, nur ich nicht. Wenn in dem Beitrag dann auch noch Halbwahrheiten mit dem Brustton der Überzeugung, garniert mit ein paar Beleidigungen in Richtung der Bundesregierung („Kanzlerkasperle“), dargeboten werden, weiß man: Hier geht es nicht darum, sachlich zu informieren, sondern nur um blanke Stimmungsmache. Dieser Beitrag wird gerade auf verschiedenen sozialen Medien geteilt, es handelt sich um einen Screenshot, der selbst von Facebook oder Twitter zu kommen scheint. Genau nachvollziehen kann man das nicht, denn eine Quelle wird – Überraschung! – natürlich nicht angegeben. Das große Problem sind die Halbwahrheiten und Gerüchte, die hier verbreitet werden. Da der Beitrag mittlerweile auch bei mir gelandet ist, sehe ich mich genötigt, hier ein paar Klarstellungen zu schreiben. In dem Beitrag geht es um die Wiederverwendung von FFP2-Masken.

Photo by Greenvalley Picture on Unsplash

Nach der Einstiegsbeleidigung mit der Frage, wie blöd die Menschheit eigentlich sei, heißt es in dem Beitrag: „Seit mehr als 50 Jahren werden FFP2 Masken (sic!) produziert, erforscht, verbessert, überprüft und deren Auswirkungen auf den Körper. Seit mehr als 50 Jahren steht in der Packungsbeilage das Ergebnis aus 50 Jahren Erfahrung u.a.: …“ Der Satz ist inhaltlich eine Katastrophe (es kann nicht seit 50 Jahren die Erfahrung aus 50 Jahren in der Packungsbeilage stehen, denn diese Erfahrung von 50 Jahren muss ja erstmal gemacht werden) und leitet eine Auflistung ein, in der es unter anderem heißt, FFP2-Masken schützen nicht vor Keimen, seien als Medizinprodukt nicht geeignet und dürfen nicht wiederverwendet werden.

Nach dieser Aufzählung folgt die Bemerkung, „das Kanzlerkasperle“ (sic!) habe gesagt, die Experten hätten sich die letzten 50 Jahre geirrt, „FFP2 Masken“ (sic!) schützen alle vor allem und am besten, wenn man sie bei 80 Grad im Ofen trocknet.

Der Zweck dieses Beitrags ist klar: Die Maßnahmen der Regierung anzugreifen und lächerlich zu machen. Nun kann man sicherlich die Maßnahmen der Regierung, beziehungsweise auch der Länderchefs kritisieren (langsame Durchsetzung, uneinheitliche Konzepte, „Wettlauf“ der Länder um die Schulöffnungen, um nur ein paar zu nennen), aber so eine Kritik sollte dann wenigstens klar, eindeutig und vor allem fundiert sein. Der geteilte Beitrag spielt vor allem mit der Empörung der Bürger und wird Wasser auf die Mühlen der Maßnahmengegner sein. Vor allem werden „der Regierung“ Worte in den Mund gelegt („FFP2-Masken schützen alle vor allem“), die so nie gefallen sind. Kein Wunder, dass keine Quelle für den Inhalt des Beitrags angegeben ist. Schauen wir uns die Behauptungen mal im einzelnen an.

Es wird behauptet, FFP2-Masken seien nicht als Medizinprodukt geeignet. Und hier sehen wir schon ein Problem: Die Auflistung sieht so aus, als sei sie aus irgendeinem Datenblatt abgeschrieben. Ich hätte das Datenblatt gerne selbst gesehen, um zu überprüfen, ob das, was da behauptet wird, wirklich so wortwörtlich drin steht. Ich habe nun ein Datenblatt der Firma 3M gefunden, in dem es sogar heißt FFP2- und FFP3-Masken seien für die „Pandemievorsorge“ geeignet (Quelle: hier). Eine andere Firma vertreibt FFP2-Masken sogar ausdrücklich als „medizinische Atemschutzmaske“ (Quelle: hier). Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schreibt: „FFP2-Masken müssen mindestens 94 % und FFP3-Masken mindestens 99 % der Testaerosole filtern. Sie bieten daher nachweislich einen wirksamen Schutz auch gegen Aerosole.“ (Quelle: hier) Und genau das ist der Knackpunkt: Bei der Übertragung gerade auch des Corona-Virus sind die Aerosole das Ausschlaggebende. Das Virus bewegt sich in Tröpfchen mit (zum Beispiel wenn ein Mensch hustet oder niest und kleine Tröpfchen – eben Aerosole – aus Mund und Nase geschleudert werden). Um das Virus aufzuhalten, reicht es also, die Aerosole zu filtern. Und das erfüllt die FFP2-Maske (und noch besser die FFP3-Maske). Tatsächlich werden FFP2-Masken ja im medizinischen Bereich verwendet.

Ein zweiter Teil des Beitrags geht auf den Umstand ein, dass man FFP2-Masken nicht wiederverwenden darf. Das ist sogar grundsätzlich richtig, das schreibt auch das BfArM: „Grundsätzlich sind FFP-Masken vom Hersteller als Einmalprodukte und nicht zur Wiederverwendung vorgesehen.“ (Quelle: siehe oben) Das Problem ist aber, und das hat auch das BfArM erkannt, dass FFP2-Masken nicht gerade billig sind. Wenn man also eine Anordnung herausgibt, wie es im Bayern gemacht wurde, dass in bestimmten Bereichen (öffentliche Verkehrsmittel, Geschäfte) der Zutritt nur noch mit FFP2-Masken gestattet ist, verursacht man ein Problem bei den Bevölkerungsschichten, für die die Anschaffung von ausreichend Masken finanziell schwierig ist1. Man weiß, dass die FFP2-Masken ein Einmalprodukt sind, aber man weiß auch, dass diese schlicht aus Gründen der Not mehrfach verwendet werden. Das könnte allerdings ein neues Problem verursachen, wenn Menschen Masken mehrfach tragen, die mit Keimen belastet sind, deswegen hat das BfArM eine Studie der Fachhochschule Münster gefördert, in der es darum ging festzustellen, ob eine Wiederverwendung unter bestimmten Bedingungen wohl doch möglich wäre.

Das Team, das für die Fachhochschule Münster geforscht hat, besteht aus Virologen, Mikrobiologen, Hygienikern, Chemikern, Physikern, Gesundheitsökonomen und Designern der FH Münster und WWU Münster. Das heißt, es waren Menschen am Werk, die sehr wohl wussten, was sie taten. Herausgekommen ist eine Empfehlungsbroschüre mit dem Titel:

Möglichkeiten und Grenzen der eigenverantwortlichen Wiederverwendung von FFP2-Masken für den Privatgebrauch im Rahmen einer epidemischen Lage

Das klingt doch schon mal etwas anders als das, was der anonyme Schreiber des Ursprungsbeitrags hingerotzt hat. Erstens wird sehr deutlich klar gemacht, dass FFP2-Masken weiterhin Einmalmaterial sind. Das heißt, Betriebe, die Arbeitsbereiche haben, in denen FFP2-Masken Vorschrift sind, müssen weiterhin genügend Masken zur Verfügung stellen und dürfen diese nicht wiederverwenden. Es geht rein darum, ob bei der Verwendung im Privatgebrauch, wo die Bedingungen natürlich nicht so hart sind wie in einem beruflichen Umfeld, Ausnahmen gemacht werden können. Und das auch nur im Rahmen einer epidemischen Lage.

Die Möglichkeiten wurden wissenschaftlich untersucht, nicht nur im Bezug auf die Viruslast, sondern auch im Bezug auf das Material der FFP2-Masken. Denn was nutzt es, wenn ich durch Erhitzen im Backofen zwar alle Viren abtöten kann, die Maske dabei aber zerstöre. Dabei wurden zwei Möglichkeiten herausgearbeitet. Die eine ist, die Maske frei aufzuhängen und an der Luft trocknen zu lassen (allerdings muss sie für 7 Tage hängen bleiben). Die zweite ist, die Maske bei 80° C für 60 Minuten im Backofen aufzubereiten. Die Methode im Backofen ist allerdings ungeeignet für FFP2-Masken, die ein Plastikventil haben.

Wenn man FFP2-Masken für den Privatgebrauch auf diese Weise aufbereitet, kann man sie bis zu fünf Mal wiederverwenden. In der Broschüre wird auch vorgeschlagen, wie man FFP2-Masken mit der „7-Tage-Methode“ richtig verwenden kann. Außerdem werden noch allgemeine Hinweise gegeben, also zum Beispiel wie so eine Maske richtig getragen wird, wie man die Dichtigkeit überprüfen kann und mehr.

Die Broschüre der FH Münster gibt es zum Download auf deren Webseite direkt hier.

Das heißt, von dem hochempörten Beitrag, der die Menschheit en gros für blöd erklärt, Halbwahrheiten über gemachte Aussagen verbreitet und ansonsten nur für schlechte Stimmung sorgen will, bleibt nichts übrig. Wie so häufig. Wie gesagt, es gäbe sicher Gründe, konstruktive Kritik zu üben, aber die Empfehlung, FFP2-Masken für den Privatgebrauch aufzubereiten, ist wissenschaftlich fundiert.

Für die Freunde des Bewegtbildes hier noch ein paar Videoempfehlungen im Rahmen der Corona-Pandemie:

Update: Inzwischen habe ich einen Artikel gefunden, der einen Informationszettel enthält, in dem es um FFP2-Masken und die Wirksamkeit gegen Viren geht. Ob sich der Originaltext exakt auf diesen bezieht, weiß ich natürlich nicht, aber der Zettel kommt dem nahe, was da behauptet wird. Allerdings ist es so, wie ich schon geschrieben hab: Es kommt darauf an, dass die FFP2-Maske die Aerosole filtert. Der Zettel plus Erklärung findet sich bei MIMIKAMA: „Doch, FFP2-Maske schützt! Und zwar indem sie Partikel filtert„.


1= In dem Zusammenhang: Ich finde die Bezeichnung „sozial schwach“ für Menschen, die sich in dieser Situation befinden, eine Katastrophe. Das Problem ist hier nicht das „Soziale“, sondern das Geld. Solche Menschen wären also „finanziell schwach“, bzw. „monetär schwach“. Ich denke, es gibt mehr reiche Menschen, die man als „sozial schwach“ bezeichnen könnte.