Aus aktuellem Anlass: Attentatspornografie mit BILD TV

Als ich noch in die Schule ging, war ich Mitglied der dortigen Schülerzeitung. Und wie es so ist, wenn man Teenager ist, so langsam beginnt man die Welt um sich herum anders zu begreifen als vorher. Zum Beispiel wurde mir unter anderem durch die Werke von Günter Wallraff bewusst, dass die so genannte BILD-„Zeitung“ kein harmloses Quatschblatt ist, das halt ab und zu mal übertreibt und hauptsächlich als Unterhaltung anzusehen ist, sondern dass dort Menschen hauptberuflich wahre Ereignisse in ihren Berichten verdrehen und verfälschen und so auch schon Existenzen vernichtet haben.

Da ich selbst in meiner Kindheit in einem Haushalt aufwuchs, in dem in den 1970er Jahren diese „Zeitung“ jeden Tag auf dem Wohnzimmertisch lag, hatte ich auch ein paar unangenehme Erinnerungen, denn das, was ich als Kind dort las, machte mir Angst. Später begriff ich, dass das natürlich die Absicht der Schreiberlinge dieses Pamphlets war. Es ging nie darum, Fakten zu vermitteln, sondern Emotionen. Sehr genau wurde vorgeschrieben, was man zu empfinden hatte. Person X böse. Habt Angst vor Minderheit Z! Politiker Y gut. Und falls sich jemand fragt, wer das Fundament für die Verschwörungsmythoswirrwutzis (zumindest mit)gelegt hat, die der Gesellschaft heute so Probleme machen, der findet auch hier die Antwort: Wie selbstverständlich hat die so genannte BILD-„Zeitung“ wirrsten Unsinn als wahre Tatsachen verkauft. Ich erinnere mich noch an die Schlagzeilen anlässlich der „Planetenparade“, die irgendwann in den 1970ern stattfand. Bei diesem Ereignis stehen alle Planeten unseres Sonnensystems in einer Reihe hintereinander, wie Perlen auf einer Schnur. Da die Umlaufzeiten der einzelnen Planeten sehr unterschiedlich sind, kommt so ein Ereignis nur sehr selten vor. Und wenn man es genau nimmt, passt das Bild nicht so richtig, denn wirklich „direkt hintereinander“ standen die Planeten wohl nur bei einem Ereignis im Jahr 1128, bei allen anderen Paraden waren sie „dicht zusammen“ (und wer sich mit Astronomie beschäftigt, der weiß, dass „dicht zusammen“ in astronomischen Maßstäben immer noch verdammt weit von einander entfernt ist). In BILD gab es damals mehrere Artikel, an die ich mich noch gut erinnern kann, weil sie darüber spekulierten, was das Ereignis bedeuten könnte: ERDBEBEN!! FLUTEN!! KATASTROPHEN!! UND WAS NOCH??? Denn wenn die Planeten alle so dicht zusammen sind, dann beeinflussen sie sich gegenseitig!! Wer’s nicht glaubt, der soll doch das BILD-Horoskop lesen, da wird ja auch davon berichtet, wie die Planeten das Leben der Menschen beeinflussen!!1 Gewaltige Kräfte wirken auf die Erde ein und wer weiß, was dann passiert.

Naja, BILD hätte nur mal ernsthafte Astronomen fragen müssen, dann hätten sie gewusst, was passiert: Nichts. Auch wenn die Planeten so nah zusammen kamen wie schon lange nicht mehr, waren sie doch immer noch weit genug von einander entfernt, als dass sie sich beeinträchtigen könnten. Aber das gab halt keine schmissige Schlagzeile. Wobei das doch mal nett wäre, ein Schlagzeile im Stil von: ASTRONOMEN SICHER: „PLANETENPARADE“ WIRD UNSER LEBEN NICHT BEEINTRÄCHTIGEN! ALLES WIRD SO SEIN WIE IMMER!

Gesellschaftlich absolut inakzeptabler Journalist (Symbolbild).
Photo by Andrés Gómez on Unsplash

Regelmäßig wurde damals auch von Außerirdischen berichtet, die die Erde besuchten und sogar Lebenstipps gaben. In einem Bericht sollen die Außerirdischen einem Zeugen zugerufen haben: „Was als Krebs bekannt ist, kommt von den Zähnen.“ Raffiniert, was? Eine Aussage, die konkret genug erscheint, so dass sie wirklich eine Hilfe sein könnte, auf der anderen Seite aber wiederum zu vage ist, als dass man irgendwas damit anfangen könnte. Natürlich alles Unsinn, wer sich ernsthaft damit beschäftigt weiß, dass es „den Krebs“ nicht gibt, sondern dass unter diesem Begriff viele unterschiedliche Tumorerkrankungen zusammengefasst sind. Deren Ursachen sind genauso unterschiedlich. Aber unabhängig davon blieb natürlich bei manchen Menschen eines hängen: Außerirdische haben die Erde besucht und sind real. Wundert sich da noch jemand, dass die übelsten Verschwörungsmythen, die eigentlich manchmal eine ganz gute Science-Fiction-Geschichte ergeben würden, als Wahrheit in den entsprechenden Kreisen verbreitet werden? Der YouTuber „Bücheronkel“ nimmt es regelmäßig auf sich, solche wirren Geschichten zu lesen und satirisch einzuordnen, zum Beispiel, wenn „Trump und die Außerirdischen … weltweit Kinder [retten]“ (Video vom Bücheronkel, hier Video bei der GWUP mit weiterführenden Links).

Dass dieser Quatsch Schaden anrichtet und angerichtet hat, ist eine Sache. Es gibt aber noch etwas, das wesentlich dunkler ist – sozusagen die dunkle Seite der dunklen Seite der Macht. Deswegen darf in dieser Aufzählung natürlich Heinrich Bölls berühmtes Werk „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (Untertitel: „Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“) nicht vergessen werden, das die bekannte Vorbemerkung enthält:

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum, dtv Verlagsgesellschaft, 1. Edition (1. Januar 1976), ISBN 978-3423011501

Böll hat die Methoden dieser „Zeitung“, die er selbst am eigenen Leib erfahren musste, in seinem Roman dargestellt. Günter Wallraff hat in späteren Büchern (die Trilogie „Der Aufmacher – Der Mann, der bei BILD Hans Esser war“, „Zeugen der Anklage“ und „Das BILD-Handbuch“) bestätigt, dass es sich hierbei nicht um Versehen oder schlampige Arbeitsweisen handelt, sondern um Vorsatz. Es werden eben nicht nur hanebüchene Geschichten geschrieben, sondern tatsächliche Ereignisse verdreht und zurechtgebogen, um einem widerwärtigen Narrativ zu folgen. Es wird ein Feind ausgemacht und eine Geschichte dazu erzählt. Wenn die Fakten nicht passend, werden diese entweder passend interpretiert oder auch einfach erfunden.

Daher darf last but not least genauso natürlich eines der bekanntesten Zitate in dem Zusammenhang nicht fehlen:

Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.

Max Goldt über die Bildzeitung, Mein Nachbar und der Zynismus, in: Der Krapfen auf dem Sims, Alexander Fest Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-8286-0156-1, Seite 14

Warum schreibe ich das aber alles? Ganz einfach: Als ich damals alle diese Texte über die Arbeitsmethoden dieser „Zeitung“ las und mich daran erinnerte, wie real für mich als junger Jugendlicher die absurden Ängste waren, die in den Artikeln geschürt wurden, da verfiel ich der Illusion, dass das irgendwann ja mal vorbei sein muss. Wie kann es sein, dass ein Schmierblatt permanent das Leben und die Existenz von Menschen in den Dreck zieht und / oder vernichtet und ungeschoren davon kommt? Als ich älter wurde, in den 1980er Jahren, zeichnete sich die kommende Informationsgesellschaft bereits ab und auch in meinem Freundeskreis herrschte die Hoffnung, dass die Gesellschaft sich weiterentwickelt und sich derartiges von selbst erledigt.

Als vor einigen Jahren das „BILDblog“ gegründet wurde, war das ein erstes Zeichen, das sich das Thema nicht nur nicht „erledigt“ hatte, sondern immer noch relevant war. Die Reaktion einiger Redakteure der BILD-„Zeitung“ sprach dann auch Bände, denn trotz aller Beweise des Gegenteils wurde stramm behauptet, in den Artikeln dieses Machwerks würde nicht gelogen. Und jetzt geht es leider weiter. BILD macht ab morgen Fernsehen. Oder besser gesagt, „Fernsehen“, um im Bild zu bleiben (Pointe durchaus nicht unbeabsichtigt). Wir laufen damit tatsächlich Gefahr, anstatt einer fortgeschrittenen Gesellschaft, die vielleicht auch mal wieder zivile Diskurse über Meinungsverschiedenheiten führt, die deutsche Variante der amerikanischen Dreckschleuder „Fox News“ zu kriegen. Wie schlimm es ist und wieviel schlimmer es noch kommen wird, berichten Mats Schönauer und Moritz Tschermak bei Übermedien unter dem Titel: „Das kommt dabei heraus, wenn ‚Bild‘ Fernsehen macht„. Es handelt sich dabei um einen Auszug aus ihrem Buch „Ohne Rücksicht auf Verluste – Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet“. Und mit einem Zitat aus diesem Buch möchte ich diesen Artikel beenden:

Das hat sie offensichtlich nicht daran gehindert, heute mit dem „Todesdrama bei Familie Jauch“ aufzumachen und um den bigotten Zusatz „Traurige Weihnachten für den TV-Liebling“ zu ergänzen. Mit Verlauf: Ich verbringe kein trauriges Weihnachten, aber insbesondere meine Frau und unsere Kinder sind über Ihre Berichterstattung traurig, entsetzt und sehr wütend. Mit dieser Art widerlichen Voyeurismus knüpfen Sie an die dunkelsten Zeiten der BILD an, die ich inzwischen für überwunden hielt.

Günther Jauch in einem Brief an BILD-Chefredakteur Julian Reichelt, zitiert nach Mats Schönauer, Moritz Tschermak: Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet, Kiepenheuer und Witsch 2021, ISBN 978-3462053548, Seite 8

Nicht nur Sie, Herr Jauch, ich hatte auch gedacht, dass diese Zeiten überwunden seien. Stattdessen haben wir den Rückwärtsgang eingelegt und fahren mit Karacho darauf zu. Helft bitte mit, die Notbremse zu ziehen, bevor wir an die Wand fahren. Klärt darüber auf, was passiert. Der Artikel bei Übermedien ist dabei eine Hilfe, das dazugehörige Buch natürlich auch, genauso wie das BILDblog.

Das Buch von Mats Schönauer und Moritz Tschernak kann man hier bestellen: Ki-Wi Verlag (das ist kein Affiliate-Link, er führt direkt zur Seite des Verlags Kiepenheuer und Witsch – der Betreiber dieser Webseite erhält dafür nichts… außer vielleicht ein paar Karmapunkten, falls Ihr an dergleichen glaubt).

Hier nochmal alle relevanten Links:


1= Bevor es zum Aufschrei kommt, nein, die Verbindung zwischen den Katastrophen, die die „Planetenparade“ angeblich verursachen soll und dem täglichen Horoskop in der BILD-„Zeitung“ hat nicht die „Zeitung“ selbst hergestellt. Das habe ich hier als Witz geschrieben, denn es ist völlig gleich. Die Horoskope solcher Tageszeitungen werden nicht „ermittelt“ (oder wie auch immer die Astrologen auf ihre ständig falschen Vorhersagen kommen), die saugt sich eine Schreibkraft aus den Fingern.

Der politische Troll

Photo by Антон Воробьев on Unsplash
Photo by Антон Воробьев on Unsplash
Photo by Антон Воробьев on Unsplash

Das dreimal verfluchte Leistungsschutzrecht hält uns hier davon ab, Druckerzeugnisse aus Deutschland zu verlinken, da wir nicht der Ansicht sind, dass man Troll-Verhalten durch die Verleger auch noch honorieren sollte. Das ist schade, denn manchmal gibt es in der deutschen Presselandschaft sehr gute Artikel.

Nun ist aber ein sehr guter Artikel in der Schweizer Presse erschienen, der sich um den politischen Troll kümmert. Da die Schweiz nichts mit den Desaster des Axel Voss und seinem dämlichen Gesetz zu tun hat, wollen wir voller inniger Freude auf dieses lesenswerte Stück hinweisen.

Wie der Titel verrät, geht es um den Troll in der Politik. Constatin Seibt erzählt den Werdegang des Trolls von einem unangenehmen Zeitgenossen in der Gesellschaft zu einem unangenehmen Zeitgenossen in der Politik. Wir empfehlen dringend, den Artikel nicht nur zu lesen, sondern fleißig zu teilen!

Die Folge ist, dass Trollpolitiker nicht nur wie Schurken in Superhelden­comics reden – sondern beinah genauso unzerstörbar sind. Sie können sich fast wöchentlich Dinge leisten, die noch vor wenigen Jahren genügt hätten, eine politische Karriere zu beenden: Steuer­hinterziehung, Lügen, Unwissen, Grausamkeit, Inkompetenz, Seiten­sprünge, Prahlerei, Beleidigungen, Bestechlichkeit, sexuelle Übergriffe – was auch immer.

Republik.ch: „Der politische Troll“

Den ganzen Artikel gibt es auf der Website von Republik.ch genau hier!

Und nochmal Klimawandel: Vom Mensch gemacht – eine Übersicht

Ich gehe natürlich nicht davon aus, dass die Politiker jetzt auf einmal anfangen sich für Wissenschaft zu interessieren. Das haben sie bisher nicht getan (oder wenn, dann meistens auf eine sehr tendenziöse Art und Weise) und es ist fraglich ob sie es in Zukunft tun. Aber Politiker müssen immer noch von der Bevölkerung gewählt werden! Und zumindest da könnte es sich lohnen in dieser Hinsicht vermehrt auf gute Wissenschaftsvermittlung zu setzen.

Florian Freistetter schreibt in dem Blog „Astodicticum Simplex“ einen kleinen Rückblick auf seine Artikelreihe über die am weitesten verbreiteten Klimawandel-Mythen und warum es eben Mythen sind. Ich möchte helfen, seine wissenschaftlichen Analysen weiter im Internet zu verbreiten, in der Hoffnung, dass der Trend zur zunehmenden Ablehnung von ernsthafter Wissenschaft hin zu Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorien irgendwann mal umgekehrt wird. Ich weiß nur nicht, ob ich das noch erleben werde.

Hauptsache Schlagzeile: Bauernfängerei von so genannten „Klimaskeptikern“

Mit dem Brustton der Überzeugung reden so genannte „Klimawandelskeptiker“ in Diskussionen, sei es auf Facebook, in einer Kommentarspalte oder sonstwo im Internet, von der Hoffnung, die sie hegen, wenn der menschengemachte Klimawandel endlich als Lüge erkannt sein wird und all die unnötigen Ausgaben und Forschungen für eine bessere Zukunft dafür verwendet werden können, sich um richtige Probleme zu kümmern. Ab und zu macht auch mal ein Pressemedium mit. Diesmal die „Welt“. Stefan Rahmsdorf von der „Klimalounge“ schreibt dazu:

Hat die Welt denn nicht berichtet, dass 2014 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen war? Nur um von 2015 noch übertroffen zu werden? Und dann wieder von 2016? Drei Rekordjahre in Folge – auch das hat es noch nie gegeben seit Beginn der globalen Temperaturmessreihen. Hat das alles in der Welt-Redaktion keiner mitbekommen?

Er nimmt die „Skeptiker-Argumente“ in dem Artikel „Der globale CO2-Anstieg: Die Fakten und die Bauernfängertricks“ auseinander. Und mir fällt dazu mal wieder die Karikatur ein, in der ein Besucher einer Veranstaltung, in der es um die Bekämpfung des Klimawandels geht, erbost meint: „Was ist, wenn es alles ein Schwindel ist und wir diese bessere Welt wegen nichts und wieder nichts erschaffen?“ Denn das ist auch ein Punkt: Selbst wenn die Wissenschaft sich uneinig wäre (was sie nicht ist), wäre es immer noch besser, etwas zu tun und dann festzustellen, dass es eigentlich nicht nötig war, als nichts zu tun, um irgendwann zu merken, man hätte was tun müssen, aber dann ist es zu spät. Denn wenn wir diese bessere Welt mit Abgasverminderung und umweltfreundlicher Energie schaffen, obwohl wir nicht müssen, haben wir trotzdem neue Technologien geschaffen, die auch ohne einen Klimawandel nützlich sind. Das andere ist nur ein plumpes „weiter so!“.

 

Brexit: „Jetzt, wo die Maske britischer Höflichkeit gefallen ist, scheinen die Menschen den Anstand immer weiter zu verlieren.“

Nur bei einem Thema hat das Brexit-Referendum bislang Klarheit gebracht – wie tief der Ausländerhass bei der Hälfte der Bevölkerung sitzt. Jetzt, wo die Maske britischer Höflichkeit gefallen ist, scheinen die Menschen den Anstand immer weiter zu verlieren. Die Anzahl ausländerfeindlicher Übergriffe ist in den Wochen nach dem Referendum um über 50 Prozent angestiegen.

– Entdecke England: „Ratlos“

Auf dem Blog „Entdecke England“ ist schon im Dezember ein Beitrag erschienen, der leider nichts an Aktualität verloren hat. Nach den Ereignissen der letzten Tage hat er eher an Aktualität gewonnen, und das in vielen Ländern der Welt. Die Autorin von „Entdecke England“ schreibt über ihre Erlebnisse, die schon bitter genug sind, aber auch davon, dass ihre Familie angesichts der Umstände eine bittere Entscheidung gefällt haben. Den ganzen Artikel gibt es hier: „Ratlos„.

 

Go Home, Great Britain, You’re Drunk! – Die Ausländerfeindlichkeit in England nimmt pythoneske Züge an

Eine Analyse

„Horribile Dictu“ sagt der Lateiner, „furchtbar, dass dies gesagt werden muss“, und genau so ist es. Dank des Nachrichtenaggregationsdienstes Rivva bin ich auf einen Artikel eines persönlichen Blogs aufmerksam gemacht worden, in dem eine Frau darüber schreibt, was ihre Schwester in England erlebt. Besagte Schwester kümmert sich seit 19 Jahren darum, dass Kinder einer Schule in einem so genannten „Problembezirk“ morgens ein Frühstück bekommen. Oder eigentlich sollte ich sagen, „kümmerte“, denn die Schulrektorin hat es ihr ab sofort verboten. Die Begründung?

“Die Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder, Gemüse oder Obst bekämen, dass aus der EU komme.” Die Eltern seien überhaupt gegen die EU-Diktatur, die nicht nur Gurken norme und die Bananenkrümmung messe, sondern die grundsätzlich Obst und Gemüse als wertvollen Bestandteil jeder Ernährung propagiere, dabei entspräche dies nicht der Tradition eines englischen Frühstücks.

Musstet Ihr das auch zweimal lesen, um es zu glauben? Ach ja, „gewöhnliche“ Fremdenfeindlichkeit seitens der Eltern kommt übrigens auch noch dazu. Ich empfehle Euch dringend, diesen Artikel, der den Titel „Der vergiftete Apfel“ trägt, ganz durchzulesen. Er ist lang, gut geschrieben und allein schon deswegen lesenswert. Und natürlich wegen des Berichts, welche irren Blüten die Ausländerfeindlichkeit in England so treibt.

Ich persönlich musste dabei an einen Sketch von Monty Python denken. Sicherlich im Sinne der Pythons wäre es gewesen, die Fremdenfeindlichkeit ins Absurde drehen zu lassen, indem „ausländisches Obst“ abgelehnt wird (und man sich lobend über „rein britische Mangos“ auslässt), es gibt aber auch wirklich einen Monty-Python-Sketch, in dem die Gefährlichkeit von frischem Obst im Mittelpunkt steht: „Self Defence Against Fresh Fruit“. In diesem Segment mit ausgewählten Sketchen der Pythons kommt er an erster Stelle. Die Geschichte der Schwester von Read On ist grotesk und leider nicht zum Lachen, lachen wir deswegen über andere Grotesken:

https://youtu.be/JXfosKV7jIo

 

„Sinn heißt du, doch nenn‘ ich dich Unsinn!“

Fricka(zu Wotan)
Sieh, welch trugvollem Schelm du getraut!

Froh
Loge heisst du,
doch nenn‘ ich dich Lüge!

– Richard Wagner: „Das Rheingold“

Gerade heute habe ich einen Text darüber gelesen, dass man nicht alles kommentieren soll. Doch der Anlass für meinen Aufschrieb ist für mich ein Beleg dafür, dass Kommentare oft auch bitte nötig sind. Worum geht es? Professor Hans-Werner Sinn von Ifo-Institut hat seine Meinung kundgetan. Und er ist der Meinung, dass kinderlosen Menschen die Rente gekürzt gehört, und zwar auf die Hälfte des normalen Betrags.

Entschuldigung, aber… GEHT’S NOCH?

Bei den Nachdenkseiten wurde eine Seite der Kurzsichtigkeit von Sinns Unsinn schon ausgeführt: Es gibt Menschen, die sich gerne Kinder wünschen,  bei denen es aber nicht funktioniert. Allein das ist schon eine psychische Belastung. Dann sich zusätzlich noch dem Druck ausgesetzt sehen, im Alter von einer Winzrente leben zu müssen und somit bis ans Ende seiner Tage daran erinnert zu werden, dass ein Lebenswunsch leider nicht erfüllt werden konnte, ist unmenschlich.

Ich möchte sogar noch weitergehen: Zum Kinderkriegen gehören nun mal immer zwei. Was ist mit jenen Menschen, die nicht mal einen Partner finden? Oder was ist, wenn man selbst gern Kinder hätte, der Partner aber nicht? Die Situationen allein sind auch wieder schlimm genug, aber im Alter auch noch dafür bestraft zu werden, dass man keinen oder den „falschen“ Partner gefunden hat, ist grausam.

Und kleine Frage: Wenn wir auf diesem Weg Menschen ohne Kinder abstrafen, muss dann der Staat im Umkehrschluss nicht alles möglich machen, damit diese Menschen doch noch Kinder bekommen (können)? Sprich: Bei Paaren, die aus biologischen Gründen keine Kinder bekommen können, nicht nur die ersten drei Versuche der künstlichen Befruchtung durch die Krankenkasse zahlen zu lassen, sondern so viele Versuche, bis es endlich klappt? Oder für Singles die Mitgliedschaften in Partnerbörsen steuerlich absetzbar machen? Oder Ausnahmeregeln einführen, dass in dem Fall, dass nur einer der Menschen in einer Beziehung Kinder will, jener keine Kürzung der Rente bekommt, der „Kinderunwillige“ aber schon? Oder kann der Staat dann verlangen, dass man sich von dem kinderunwilligen Partner trennt?

Während ich so meine Gedanken für diesen Artikel sortierte, stellte sich bei mir ein merkwürdiges Gefühl von Déjà-Vue ein… das hab ich doch schon mal… ja, tatsächlich: Den gleichen unsinnigen Vorschlag mit den Rentenkürzungen hat vor rund einem Jahr die Bertelsmann-Stiftung auch schon gemacht. Und schon damals steigerte sich mein Blutdruck und ich habe den Bertelsmännern die Realität entgegen gehalten in „‚Sogar meine Mama findet Dich toll!‘ – Der Kampf eines Singles an mehreren Fronten„.

Und nichts, aber auch gar nichts, hat sich geändert. Es ist lediglich eine andere Marionette auf der Bühne erschienen, die fröhlich singt: „Tri-tra-trulala, die Rentenkürzung ist wieder da!“

Natürlich sind auch die Gegenargumente die gleichen geblieben. Die Idee ist unausgegoren und statt sich Gedanken darüber zu machen, wie wir einen weiteren Riss in die Gesellschaft schlagen, indem wir sie in „Kinderkrieger“ und „Kinderverweigerer“ einteilen, sollten wir eine solidarische Lösung finden.

Ich geh jetzt erstmal Wagner hören… A propros „Wagner“: Heute Abend 22.50 Uhr kommt im ZDF „Die Anstalt“. Einschalten lohnt sich!

Varoufakis, Jauch und die große Enttäuschung

Ja, der Tiefpunkt ist erreicht, was die „Berichterstattung“ über die Finanzkrise und Griechenland betrifft. Da hat „Le Bohémien“ mit seiner Kritik über die gestrige Sendung von Günther Jauch schon recht. Man braucht klarstellende Worte über Varoufakis‘ Aussagen, wie sie etwa Stefan Niggemeier hier findet.

Und ich? Ich kann es nicht fassen. Die Karriere von Günther Jauch begleite ich, seit er bei „Rätselflug“ dabei war oder zusammen mit Thomas Gottschalk moderierte. Nicht unbedingt weil ich ein Fan von ihm bin, sondern weil sich unsere Wege immer wieder kreuzten. Medial gesehen, nicht im realen Leben.

Ich hatte eine hohe Meinung von ihm. Meine Enttäuschung über das, was aus ihm geworden ist, fasst Ewan McGregor als Obi-Wan in dieser Szene sehr gut zusammen (Video ab Minute 7:10 anschauen, falls der Timecode nicht funktioniert): Obi-Wans Frust

Obwohl… ich befürchte, dass der Tiefpunkt doch noch nicht erreicht ist. Immer, wenn man glaubt, dass das so seit, passiert irgendwas, dass einem beweist, dass es immer NOCH tiefer geht. Und ich bin gerade am Überlegen, ob ich hier etwas ändern sollte. Eigentlich wollte ich verschiedene Themengebiete in diesem Blog nicht trennen, weil alles irgendwie zusammen gehört. Geschichten sollten auch Zukunftsvisionen bringen und von Gesellschaften handeln. Es sollte hier um die verschiedenen Geschichten (Science Fiction, Fantasy und mehr) gehen und um das, was dahinter steht. Aber ich bin mir selbst noch nicht sicher. Und bis ich mir sicher bin, wird es bunt gemischt weitergehen.

Ist doch wie in der Politik: Egal was passiert, einfach weitermachen. Merkt schon keiner.

„Die Freihandelslüge: Warum TTIP nur den Konzernen nützt – und uns allen schadet“ von Thilo Bode ab sofort im Handel

(c) DVA
(c) DVA

Die Verbraucherorganisation foodwatch hat den TTIP-Befürwortern eine Fehl- und Desinformationskampagne vorgeworfen. Von der Bundeskanzlerin bis zur Europäischen Kommission, von den Wirtschaftsweisen bis zum BDI, von der US-Botschaft bis zur Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft werde falsch oder irreführend über das geplante Freihandelsabkommen zwischen EU und USA informiert. Das kritisiert foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode in seinem neuen Buch „Die Freihandelslüge: Warum TTIP nur den Konzernen nützt – und uns allen schadet“ (DVA), das er in Berlin der Öffentlichkeit vorstellte und ab sofort im Handel erhältlich ist.

Eine so breit angelegte Desinformationskampagne wie bei TTIP habe ich noch nie erlebt. Das Muster ist stets dasselbe: Die Chancen des Abkommens werden aufgebauscht, die Risiken geleugnet oder verschwiegen“, kritisierte Thilo Bode.

In seinem Buch erklärt der foodwatch-Gründer verständlich, um was es bei TTIP wirklich geht, warum das Abkommen demokratische Prozesse aushöhlt und wie sehr es die Verbraucher ganz konkret betrifft. Er klärt über die sensiblen Punkte auf, über die die Befürworter nicht offen sprechen: Kommt TTIP, würde es als völkerrechtlicher Vertrag über einzelnen Gesetzen stehen. Wenn EU und USA mit TTIP gesetzliche Standards gegenseitig anerkennen, könnten diese nicht mehr einseitig geändert werden. So hätte die wechselseitige Anerkennung etwa von Tierhaltungsbedingungen oder von Vorgaben für die Lebensmittelkennzeichnung zur Folge, dass die EU nicht mehr einfach ohne Zustimmung des Handelspartners USA bessere Standards in der Tierhaltung und mehr Transparenz über Produkteigenschaften beschließen könnte. Das Buch „Die Freihandelslüge“ zeigt, wie TTIP damit vor allem zu einem Programm zu werden droht, mit dem sich Konzerne in Zukunft unliebsamer Regulierungsvorhaben entledigen können.

Ich bin ein großer Verfechter des fairen Freihandels – genau deshalb bin ich gegen TTIP“, stellte Bode klar. „Bei diesem Abkommen geht es nicht um Freihandel, sondern um Freibeuterei. Das Recht der Konzerne auf ungestörtes Beutemachen würde ins Völkerrecht geschrieben, und die Gesetzgeber würden sich in Teilen selbst abschaffen: Regulierungsvorhaben könnten nur noch dann durchgesetzt werden, wenn der Handelspartner USA zustimmt. TTIP muss gestoppt werden.“

Bei Verhandlungen über einen so weitreichenden, völkerrechtlichen Vertrag sei es wichtig, eine offene und aufrichtige, öffentliche Debatte zu führen. Genau diese finde aber nicht statt, kritisierte Bode. In einem ausführlichen Hintergrunddokument hat foodwatch anhand von dutzenden Zitaten belegt, wie falsch und irreführend über TTIP informiert wird. Nur einige der Beispiele:

  • Der Einfluss von TTIP auf die Gesetzgebung wird geleugnet: „Der Spielraum für künftige Regulierungsvorhaben muss natürlich erhalten bleiben“, sagt zum Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel – dabei stellt ihr eigenes Kanzleramt wahrheitsgemäß klar, „dass der Regelungsspielraum der EU und der EU-Mitgliedstaaten durch konkrete Vereinbarungen über eine enge transatlantische Regulierungszusammenarbeit, etwa im Rahmen einer gegenseitigen Anerkennung von Standards, in Teilen eingeschränkt werden kann“.
  • Hypothetische wirtschaftliche Potenziale werden zu Fakten erhöht: Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) hat in diesem Februar eine Broschüre mit „12 Fakten“ zu TTIP herausgegeben – mindestens 5 davon müssen jedoch korrigiert werden. Als „Fakten“ präsentiert die Arbeitgeber-Lobby zum Beispiel „Hunderttausende neue Arbeitsplätze“ und „119 Milliarden Euro Gewinne durch TTIP“ – tatsächlich handelt es sich dabei nicht um Fakten, sondern um Schätzungen auf Basis völlig spekulativer Annahmen über die Ausgestaltung von TTIP. Dass dieselben Studien bei anderen Annahmen zu viel niedrigeren Prognosen kommen, verschweigt die INSM.
  • Wirtschaftliche Prognosen werden größer dargestellt: „Die Schätzungen über zusätzliche Arbeitsplätze in der EU reichen von 400.000 bis 1,3 Millionen“, schreibt die CDU. Die Schätzungen selbst in den Studien, aus denen die von der CDU zitierten Zahlen stammen, beginnen tatsächlich bei nur rund 12.000 Jobs.
  • Aus langfristig eintretenden Niveaueffekten wird jährliches Wachstum gemacht: Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) verspricht „rund 100 Mrd. Euro Wirtschaftswachstum pro Jahr“ in der EU – tatsächlich gehen Studien lediglich davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt der EU langfristig (im Jahr 2027) um diesen Betrag höher liegen könnte als ohne BIP – ein jährliches Zusatzwachstum wird gerade nicht vorhergesagt und erst recht nicht in dieser Größenordnung.
  • Einschränkungen werden unter den Tisch fallen gelassen: Selbst die „Wirtschaftsweisen“ im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung behaupten in ihrem Jahresgutachten 2014/2015, ein umfassendes TTIP „führt“ zu „weltweiten Beschäftigungszuwächsen: In Deutschland lägen sie bei 110.000 Personen.“ Die Ökonomen erwähnen nicht, dass diese Zahl in der Original-Studie als Obergrenze („bis zu“) und nur errechnet wurde für ein „sehr optimistisches Szenario, welches erhebliche Unsicherheiten involviert“.
  • Verlierer werden nicht erwähnt oder zu Gewinnern gemacht: Ein Vertreter der Europäischen Kommission bezeichnet TTIP als „große Goldgrube“ für Entwicklungsländer. Tatsächlich legt die Studienlage nahe, dass gerade Entwicklungsländer mit wirtschaftlichen Verlusten zu rechnen hätten.

Thilo Bode: Die Freihandelslüge. Warum TTIP nur den Konzernen nützt – und uns allen schadet. DVA 2015, 272 Seiten, 14,99 Euro. Seit dem 9. März im Buchhandel. Das Honorar von Thilo Bode fließt ausschließlich direkt in die Arbeit von foodwatch.

Das Buch gibt es im Buchhandel oder es kann hier bestellt werden:

 

Quelle: foodwatch e. V.