Agent mit besonderer Note: Roger Moore ist James Bond

1973: James Bond hat offenbar wiederum einen Aufenthalt in der Shrublands-Klinik hinter sich, denn er sieht erfrischt aus. Allerdings ist er ein noch stärkerer Zyniker geworden, dem das Töten seiner Gegner fast unangenehm zu sein scheint, auch wenn es zu seiner Arbeit dazu gehört.

LEBEN UND STERBEN LASSEN


Zeitgleich werden drei Agenten des britischen Geheimdienstes an drei verschiedenen Orten getötet: In New York, in New Orleans und auf der Karibikinsel San Monique. Die Hinweise deuten auf die Gangstergröße Mr. Big, der in irgendeiner Weise mit dem Diplomante von San Monique, Doktor Kananga, in Verbindung zu stehen scheint. Kananga wird von Solitair beraten, einem Medium, die aus Tarot-Karten liest. Bei seinen Untersuchungen auf San Monique entdeckt Bond große Mohnfelder. Offenbar wird von hier Mr. Big beliefert, der den amerikanischen Markt mit Drogen versorgt. Bond kann Solitair aus den Händen von Kananga befreien, aber als er sie nach Amerika bringt, schreitet Mr. Big ein…

  • Synchronisation

Ein neuer Bond – eine neue Stimme. Die Änderungen gegenüber dem Original halten sich in Grenzen. Aus irgendeinem Grund wurde in den beiden Szenen, in denen Felix Leiter telefoniert (einmal, nachdem Bond ihn anruft, um zu berichten, dass sein Fahrer erschossen wurde, das zweite Mal, als der erboste Fluglehrer anruft wegen des Schadens an seinem Flugzeug), Text hinzugefügt: In der deutschen Version hört man leise den jeweiligen Anrufer aus dem Telefon, im Original ist gar nichts zu hören. Und Bonds letzter Satz über Tee Hee, nachdem er diesen aus dem Zugfenster befördert hatte und seine Armprothese hinterher warf, musste leider geändert werden, da der Wortwitz in „Just being disARMing.“ nicht übersetzbar ist. Auf Deutsch sagt Bond, er habe hier „den Arm von dem Armleuchter“.

Eine Kuriosität ist der Auftritt von Sheriff Pepper, dessen Vorname in diesem Film in der Synchro mit „Nepomuk“ angegeben wird, er im nächsten Film aber plötzlich – wie im Original – „J.W.“ heißt.

  • Ein Blick auf die Story


Wieder ein wenig weg vom Gigantismus, mehr hin zum Boden, so kann man diesen Film umschreiben. Die Welt wird nicht bedroht, es geht „lediglich“ um Drogenschmuggel im großen Stil. Auch die Gadgets sind überschaubar, überhaupt wird Q nur erwähnt, er taucht aber selbst nicht auf (Desmond Llewelyn war nicht verfügbar).

Zu Beginn musste erst einmal ein neuer Darsteller für James Bond gefunden werden, nachdem Burt Reynolds im Gespräch war, entschied man sich aber doch für Roger Moore. Seine Darstellung von Bond ist humoristischer und zugleich etwas vornehmer, ein klarer Kontrast zu dem brutaleren Connery-Bond. Dennoch gingen die Produzenten ein Risiko ein, ausgerechnet dieses Skript zu verfilmen, da es einige Klischees bedient: ein korrupter karibischer Diplomat, ein schwarzer Verbrecher und eine schwarze Gefolgschaft, deren Loyalität durch Voodoo-Rituale erhalten wird. Damit lieferte es natürlich eine Steilvorlage für die Kritiker, wenngleich das Filmskript in wesentlichen Teilen von der Romanvorlage abwich. Teilweise wurden auch Szenen erst in späteren Bond-Filmen aufgegriffen, etwa dass Bond und das Mädchen an einem Seil hinter einem Boot durchs Wasser gezogen werden (in „In tödlicher Mission“ realisiert) oder dass Felix Leiter vom Bösewicht den Haien zum Fraß vorgeworfen wird und Bond in einer Fischköder-Lagerhalle wichtige Hinweise findet (zu sehen in „Lizenz zum Töten“). Der Jamaikaner Quarrel, der Bond in der Geschichte zur Seite steht, musste für den Film zu „Quarrel Junior“ werden, da der „ursprüngliche“ Quarrel ja bereits in „Doktor No“ getötet wurde (die Reihenfolge der Romane ist aber umgekehrt, „Leben und sterben lassen“ kommt vor „Doktor No“).

Bei diesem Film handelt es sich wiederum um eine nette Abenteuergeschichte, die allerdings ein paar Merkwürdigkeiten enthält. Dass man versucht hat, den Moore-Bond von dem Connery-Bond abzugrenzen, hat der Entwicklung der Reihe und der Figur nicht geschadet, im Gegenteil. Zu den Merkwürdigkeiten gehören vielmehr die bedienten Klischees und der Tod von Mr. Big, dem Bond eine Gaspatrone in den Mund steckt, woraufhin er sich aufbläht, bis er platzt. Bisher kannte man diesen Phänomen hauptsächlich von eingebildeten Schauspielern, und bei aller Fantasie, aber in einem Bond-Film wirkt ein solches Ende etwas lächerlich.

Der Abspann kündigte wiederum Bonds Rückkehr an, diesmal in „Der Mann mit dem goldenen Colt“.

DER MANN MIT DEM GOLDENEN COLT


Energie-Krise: Der britische Geheimdienst ist auf der Suche nach dem Solex-Generator, einem Gerät, das Hochwirksam Strom aus Sonnenlicht herstellen soll. Doch als Bond den Auftrag erhält, trifft eine Lieferung beim Geheimdienst ein: ein Päckchen mit einer goldenen Kugel, in die „007“ eingraviert ist. Goldene Kugeln sind das Markenzeichen des teuersten Auftragsmörders der Welt, Francisco Scaramanga. Da M glaubt, dass jemand Scaramanga auf Bond angesetzt hat, wird der Auftrag geändert: Bond soll erst den Killer zur Strecke bringen. Als er dessen Spur aufnimmt, wird er zufällig Zeuge, wie Scaramanga den Wissenschaftler Gibson erschießt, der den Solex-Generator erfunden hat. Offenbar war die Kugel mit der 007-Gravur nur eine Ablenkung. Hinter dem Anschlag auf Gibson steckt der Industrielle Hai Fat, der nun das Solex besitzt. Doch auch Scaramanga hat seine eigenen Pläne mit dem wertvollen Gerät…

  • Synchronisation

Die merkwürdige Wandlung des Namens von Sheriff Pepper, der im vorigen Film auf Deutsch noch „Nepomuk“ hieß und hier nun „Dschei Dabblju“ („J.W.“) genannt wird, wurde schon angesprochen. Vermutlich hat bei der Synchro niemand mehr daran gedacht, dass man in „Leben und sterben lassen“ diese Änderung vorgenommen hat. Auch ansonsten ist die Übersetzung sehr „frei“, was offenbar am deutschen Dialogschreiber lag, wie man mir erklärt hat. Fallengelassen wurde bei manchen Figuren – wie es bei Bond beinahe schon üblich ist – der jeweilige Akzent: Schnickschnack (Original „Nicknack“, gelungene Übertragung des Namens) spricht eigentlich mit stark französischem Einschlag, Hai Fat mit asiatischem. Auch sehr gelungen ist die Übersetzung des Namens von Hai Fats Pool-Gespielin, sie heißt auf Englisch „Choo Mi“ (gesprochen wie „chew me“, also eine sexuelle Anspielung), ihr deutscher Name „Hash Mish“ ist zwar etwas harmloser, aber durchaus angemessen.

  • Ein Blick auf die Story

Es gibt Vermutungen, die besagen, dass „Der Mann mit dem goldenen Colt“ zum größten Teil gar nicht von Ian Fleming stammt. Der Roman wurde erst nach dessen Tod veröffentlicht, angeblich hätte er ihn noch beenden können. Fans sehen jedoch in dem wechselnden Schreibstil innerhalb der Geschichte ein Anzeichen dafür, dass Fleming lediglich ein Konzept und einen Teil des Romans fertigstellen konnte, und dass ein zweiter Autor alles aufgearbeitet hat. Für den Film ist das alles unerheblich, denn außer den beteiligten Figuren wurde die Handlung neu aufgebaut, wobei man auf Aktualität setzte. Mit der Geschichte um das „Solex“ wurde das Thema „Energiekrise“ aufgegriffen. Bond sollte sich in Zukunft in diese Richtung entwickeln und immer mehr aktuelle Trends aufgreifen.

Allerdings darf man davon nicht zu viel erwarten. Der Rest der Geschichte ist mehr Science Fiction als Fakt, wenn sich Scaramanga mit Hilfe des Solex eine Laserkanone baut. Entsprechend aufwändig ist die Ausstattung. Das Thema des Romans, nämlich der Auftragsmörder, der von Bond im Zweikampf besiegt wird, wurde als Höhepunkt des Films gestaltet und durch das Spiegelkabinett Scaramangas erweitert, um es interessanter zu machen (hier kann man auch einige der Filmfehler finden, etwa wenn die „Wachsfigur“ von Alphonse „Scarface Al“ Capone blinzelt oder Scaramanga der James-Bond-Figur vier Finger mit drei Schüssen abschießt).

Was sich in diesem Film endgültig etabliert hat, ist der bisweilen sehr schwarze Humor, der zwar bereits mit Connery seinen Anfang nahm, aber von Moore perfektioniert und auf die Spitze getrieben wurde. „Der Mann mit dem goldenen Colt“ reiht sich somit ein bei den exotischen Abenteuergeschichten, die zwar kurzweilig sind, aber nicht zu ernst genommen werden dürfen.

Und erneut wurde die Fortsetzung angekündigt, obwohl sich bei Fertigstellung dieses Films dunkle Wolken ankündigten. Die Fortsetzung sollte „Der Spion, der mich liebte“ sein.

DER SPION, DER MICH LIEBTE


Schon wieder mal steht die Welt am Rand eines Krieges: ein britisches und ein russisches U-Boot sind verschwunden und die Nationen bezichtigen sich gegenseitig, dafür verantwortlich zu sein. Die Geheimdienstchefs beider Länder sind jedoch überzeugt, dass da etwas anderes dahinter steckt und schicken ihre jeweils besten Leute aus, um Nachforschungen anzustellen. Für England ist das selbstverständlich Agent 007, James Bond. Für Russland kommt Agent XXX („Triple-X“) ins Spiel, Anya Amasova. Bond und sie verbindet dummerweise eine tragische Geschichte, denn Bond hat Anyas Geliebten im Verlauf seiner letzten Mission getötet. Nachdem die Agenten zuerst gegeneinander arbeiten werden sie schließlich von ihren Regierungen gemeinsam auf die Sache angesetzt.

Der Mann hinter den Entführungen ist Karl Stromberg, ein reicher Sonderling. Er hat die U-Boote mit Hilfe seines Supertankers „Liparus“ entführt, um die entstandene Krise herbeizuführen. Um den Krieg endgültig auszulösen, plant er, die U-Boote vor dem jeweils gegnerischen Land in Stellung zu bringen und eine Atomrakete abzuschießen. Der atomare Gegenschlag erfolgt dann automatisch. Stromberg ist der Ansicht, dass die dekadente Menschheit ausgelöscht werden muss, damit sie von Neuem beginnen kann. Er selbst will sich das Spektakel von seiner Unterwasserstation „Atlantis“ aus ansehen…

  • Synchronisation

Hier wurde nun wieder solidere Arbeit geleistet, nachdem man sich auf den „Bond-Stil“ eingeschossen hatte. Das führte dazu, dass sogar ein Bonmot eingefügt wurde, wo eigentlich gar keins war: Als Bond Strombergs Handlanger Beißer („Jaws“ im Original) in das Becken mit den Haien fallen lässt, sagt er: „Ah-Hai!“ (betont wie „Ahoi!“).

  • Ein Blick auf die Story

Reicher Industriemagnat entführt U-Boote, um die Militärmächte in einen Atomkrieg zu stürzen. Kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor? Ja, in der Tat, tauscht man die U-Boote gegen Weltraum-Raketen, dann ist das der rote Faden von „Man lebt nur zweimal“. In der Tat hat „Der Spion, der mich liebte“ gar nichts mit der Vorlage von Fleming zu tun, da jener verfügt hatte, dass man von diesem Roman nur den Titel nehmen dürfe, aber keine Teile der Handlung. Also wurde ein Connery-Bond „recycelt“, allerdings in die Gegenwart geholt. Wie schon damals, so wurde auch diesmal die bislang größte Kulisse für einen Bond-Film gebaut, wofür man die weltgrößte Filmhalle baute und sie „Stage 007“ nannte.

Hinter den Kulissen hatte es nach „Der Mann mit dem goldenen Colt“ allerdings Probleme gegeben: Harry Saltzman hatte sich finanziell übernommen und schied aus der Partnerschaft mit Albert R. Broccoli aus.

Der Film gibt quasi ganz nebenher ein paar Informationen preis, etwa dass Ms Vorname „Miles“ lautet, der des russischen Generals Gogol (der ab sofort regelmäßig in den Filmen zu sehen sein sollte) „Alexis“ und sogar Q wird mit „Major Boothroyd“ angesprochen. Die britisch-russische Kooperation in der Handlung ist eine konsequente Fortführung des Gedankens, im Gegensatz zu Flemings Romanen die Russen nicht als Bösewichte dastehen zu lassen. Der weibliche russische Agent war zudem eine Weiterentwicklung des „typischen“ Bond-Girls, das eigentlich kaum mehr zu tun hatte, als gut auszusehen und sich vom Bösewicht entführen zu lassen. Auch Bonds Welt wandelte sich im Lauf der Zeit, obwohl Anya Amasova im Vergleich zu den Frauenrollen späterer Bonds („Goldeneye“, „Stirb an einem anderen Tag“) natürlich noch sehr harmlos wirkt. Überraschenderweise gab es Jahre später offenbar keine rechtlichen Schwierigkeiten, als man zwei Filme mit dem Titel „xXx“ (oder „Triple-X“) verfilmte, obwohl diese Bezeichnung in diesem Bond-Film eingeführt wurde.

Wem es nichts ausmacht, in diesem Film die Variante einer Geschichte zu sehen, der wird auch hier gut unterhalten. Als Fortsetzung wurde hier „For Your Eyes Only“ angekündigt, allerdings sollte ein gewisser George Lucas Schuld daran sein, dass sich das spontan änderte.

MOONRAKER


Ein Space Shuttle, der auf dem Rücken eines Flugzeugs nach England gebracht werden soll, verschwindet. Das Flugzeug stürzt ab, es werden jedoch keine Trümmer des Raumgleiters gefunden. James Bond soll dem Firmenchef Hugo Drax auf den Zahn fühlen, dessen Firma den Shuttle, der „Moonraker“ heißt, hergestellt hat. Doch kaum kommt Bond bei Drax an, wird mehrfach versucht, sein Leben mit Gewalt zu beenden. Der Agent folgt einer Spur, die ihn nach Venedig in ein Labor führt, in dem große Globen mit Ampullen ausgestattet werden. Diese Ampullen enthalten ein Gift, das auf Menschen tödlich wirkt, aber keinen Einfluss auf Tiere zu haben scheint. Drax plant vom südamerikanischen Dschungel aus etwas ganz Großes…

  • Synchronisation

Die Synchronisation hat sich mittlerweile eingespielt, die Korrekturen annehmbar und nur dort, wo es wirklich nötig war (zum Beispiel zitiert Bond beim Anblick des mit lauter Pärchen gefüllten Passagierabteils der Moonraker ein Kinderlied: „The animals went in two by two.“, in dem es um die Tiere geht, die auf die Arche Noah gehen; auf Deutsch sagt er: „Alle paarweise, wie damals.“).

  • Ein Blick auf die Story

Hugo Drax, eigentlich Heinz von der Drache, ein Ex-Nazi, möchte die „Moonraker“, eine Atomrakete, die England verteidigen soll, in einem Racheakt dazu verwenden, um London dem Erdboden gleichzumachen. Soweit Flemings Geschichte. Offenbar hatte man keine rechte Inspiration gefunden, diesen Roman zu verfilmen, denn eigentlich wollte man „For Your Eyes Only“ produzieren, der immerhin nur auf einer Bond-Kurzgeschichte basiert hätte. Dann aber kam „Star Wars“ in die Kinos und Science Fiction lebte neu auf. Bond sollte auf der Welle mitreiten. Ob das eine gute Idee war, daran scheiden sich bis heute die Fans. Für manche ist „Moonraker“ der Tiefpunkt der Reihe, der im Gegensatz zu dem starken Roman abfällt. Für andere wiederum ist auch das „einfach Bond“.

Dass die Filmmacher ihre Idee selbst nicht ganz ernst nahmen, sieht man an vielen fast schon parodistischen Seitenhieben, etwa wenn Bond eine Tür mit einem Codeschloss öffnet und die Tasten der Zahlen dabei die Tonfolge aus „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ spielt, oder eine Szene in Südamerika, die mit der Musik aus „Die glorreichen Sieben“ unterlegt ist. Auch Beißer, der Killer mit dem Stahlgebiss, durfte zurückkehren, was an der vielen Fanpost lag, die das Studio seinetwegen erhalten hatte. Weil er den Fans so am Herzen lag, wechselte er am Ende des Films auf die Seite der Guten und durfte sogar seine ersten Worte sprechen. Da wird der Film beinahe nachdenklich, Bond konfrontiert Beißer mit der Aussichtslosigkeit seiner Lage, als er aus Drax herauskitzelt, wie er die Menschen gerne hätte: Physisch perfekt, was natürlich weder Beißer mit seinem Kunstgebiss, noch dessen unterdurchschnittlich große Freundin mit Brille erfüllen können.

„Moonraker“ ist ein gewaltiges Bond-Spektakel, das (im wahrsten Sinne des Wortes) sehr abgehoben daher kommt, bei dem man aber auch Spaß haben kann, vor allem als Fan der Science Fiction. In diesem Bond-Universum ist eben viel möglich. Ob Fleming von dieser Umsetzung seines Stoffes begeistert gewesen wäre, kann ich nicht sagen.

Als Fortsetzung wurde erneut „For Your Eyes Only“ angekündigt, diesmal durfte es auch sein.

IN TÖDLICHER MISSION


Ein getarntes Schiff des britischen Militärs ist versenkt worden. An Bord des Schiffes befand sich ATAC, ein System, mit dem sich die britischen U-Boote aufspüren lassen. Der britische Geheimdienst wendet sich an das Unterwasser-Archäologen-Ehepaar Havelock, doch bevor diese den ATAC bergen können, werden sie ermordet. Bond wird auf die Spur des Killers angesetzt und lernt die Tochter der Havelocks kennen, Melina. Der Agent bekommt einen entscheidenden Tipp von dem griechischen Reeder Kristatos: Columbo, ein Schmuggler, soll hinter der ganzen Sache stecken. Doch bei seinen Nachforschungen am Mittelmeer muss Bond feststellen, dass die Dinge nicht ganz so sind, wie sie scheinen.

  • Synchronisation

„Stingin‘ in the rain…“ Das ist Bonds Original-Kommentar zu dem tödlichen Regenschirm, den er in Qs Labor sieht. Sprich: Es wurden die üblichen Anpassungen von Bonds Wortspielen gemacht, die sich nicht wörtlich ins Deutsche übetragen ließen. Da dieser Bond-Film aber wiederum etwas anders ist als andere Filme der Reihe, gab es ansonsten nicht viel abzuweichen. Verloren geht in der deutschen Fassung natürlich leider die Originalstimme der Margaret-Thatcher-Darstellerin, die am Ende des Films auftaucht: Janet Brown war die gefragteste Parodistin der damaligen britischen Premierministerin, weil sie nicht nur so aussah, wie das Original, sondern auch so klang.

Der Titel „In tödlicher Mission“ hat mit der Übersetzung des Satzes „For Your Eyes Only“ nichts zu tun, dieser bedeutet wörtlich „Nur für Ihre Augen bestimmt“ und ist ein Hinweis auf geheimen Akten, dass diese nur vom Empfänger – und von niemand sonst – zu lesen seien. Die Kurzgeschichte, auf der der Film basiert, wurde eingedeutscht mit „Für Sie persönlich“, was natürlich keinen griffigen Filmtitel abgibt. Insofern ist die freie Übertragung des Titels zu verschmerzen.

  • Ein Blick auf die Story

Obwohl „Moonraker“ kein Misserfolg gewesen war, besannen sich die Filmproduzenten darauf, wieder eine „bodenständigere“ Episode zu schreiben, die weder einen „Superschurken“ noch die Zerstörung der Welt beinhalten sollte. Dazu namen sie die Handlung der Bond-Kurzgeschichten „For Your Eyes Only“ und „Risico“ und verbanden sie über die Handlung mit dem ATAC. In „For Your Eyes Only“ wird Bond von M beauftragt, nach dem Mörder des Ehepaars Havelock zu suchen, gute Freunde von M. Dabei kommt er deren Tochter, die in der Geschichte übrigens Judy heißt, in die Quere, und gemeinsam erledigen sie die Mörder. „Risico“ handelt davon, dass Bond einen Rauschgiftschmuggler zur Strecken bringen soll, über den er von Kristatos erfährt: Columbo. Doch Columbo kann Bond überzeugen, dass Kristatos der wahre Bösewicht ist und zusammen mit dessen Gefolgsleuten überfallen sie ein Lager, in dem Opium für den Weitertransport liegt. Das Lager wird zerstört und Kristatos getötet.

Erstaunlich ist dabei, dass gerade die Handlung von „Risico“ sehr genau in den Film eingeflossen ist (bis auf ein paar kleine Änderungen, zum Beispiel, dass das Tonband, mit dem Columbo das Gespräch zwischen Kristatos und Bond belauscht, nicht in einem Kerzenhalter, sondern in einem Stuhl untergebracht ist, oder der Tod von Columbos Freundin Liesl), während „For Your Eyes Only“ einige sehr starke Änderungen erfuhr. Eingefügt wurde zudem eine Szene aus dem Roman „Leben und sterben lassen“: Bond und das Mädchen werden an einem Seil hinter einen Boot hergezogen.

Dass man wieder auf den Boden zurückkommen wollte, zeigt sehr deutlich die Zerstörung von Bonds Lotus, der explodiert, als ihn einer der Handlanger des Bösewichts stehlen will und der Agent und Melina daraufhin in Melinas Ente vor den Verfolgern flüchten. Dass man „alte Geschichten“ hinter sich lassen wollte, sieht man an der Eröffnungssequenz: Ein kahlköpfiger Mann im Rollstuhl, der eine weiße Katze auf dem Schoß hat (es wird nicht ausdrücklich gesagt, aber es handelt sich eindeutig um Bonds frühere Erz-Nemesis Ernest Stravro Blofeld), versucht, 007 mit einem ferngesteuerten Helikopter zu töten. Gleichzeitig wird aber dadurch, dass Bond in der gleichen Szene das Grab seiner Ehefrau Tracy (aus „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“) besucht, ein Bezug zu einer früheren Schlüsselepisode hergestellt und gezeigt, dass Bond immer noch die gleiche Person ist, auch wenn er jetzt anders aussieht.

Die Abwesenheit von M in diesem Film hatte einen tragischen Hintergrund: Bernard Lee, der Darsteller der Rolle, war kurz vor Beginn der Dreharbeiten gestorben. Aus Respekt vor ihm wurde die kein neuer Schauspieler für M in diesem Film gesucht, sondern Stabschef Bill Tanner übernahm die Aufgabe, den Agenten auf seine Mission zu schicken. In anderen Szenen wurde Ms Text von Q übernommen.

Kritisch sah das Team selbst eine Szene, in der Bond kaltblütig einen Gegner tötet: Locque hängt mit seinem Auto über einer Klippe und droht abzustürzen. 007 kommt dazu und verpasst dem Auto einen Tritt, so dass es in die Tiefe stürzt. Alles das sind Elemente, mit denen man versuchte, eine Art neue Linie herauszuarbeiten.  Und so funktioniert der Film auch, wenngleich zwischen den Zeilen ein paar fragwürdige Dinge durchblicken, etwa wenn zwischen „guten“ und „bösen“ Schmugglern unterschieden wird. Columbo brüstet sich damit, was er alles schmuggelt und worin er der Beste ist – aber Rauschgift schmuggelt er nicht. Er bedient damit das zweifelhafte Klischee des „liebenswerten Schurken“, der zwar auch illegale Dinge tut, dem man das aber nachsieht, weil er offenbar einer Art „Ehrenkodex“ folgt. Auf der anderen Seite stammt genau das aus Flemings Vorlage, wenn man möchte, kann man darin auch eine Art Kritik an der Geheimdienstarbeit sehen, die hin und wieder mal den Unterschied nach „bösen Schurken“ und „nützlichen Schurken, die Informationen haben und deswegen ungestraft davonkommen“ macht. Aber das ist fast schon zu sehr um die Ecke gedacht. Die Handlung des Films funktioniert mit ihrer Bodenständigkeit sehr gut, es ist eine spannende Abenteuergeschichte an einigen interessanten Urlaubsorten.

Als Fortsetzung wurde „Octopussy“ angekündigt.

OCTOPUSSY


Der korrupte russische General Orlov bringt Teile des russischen Staatsschatzes auf die Seite, um ihn durch Kopien ersetzen zu lassen. Gleichzeitig träumt er davon, Russlands Vormachtstellung zu verbessern, indem er eine Invasion in Europa vorschlägt. Sein Plan wird jedoch abgelehnt, worauf er im Alleingang ein Szenario entwirft, das die NATO noch weiter schwächen soll: eine atomare Explosion auf einer amerikanischen Airbase in Deutschland soll den Defekt einer amerikanischen Atomrakete vortäuschen, worauf die Amerikaner gezwungen wären, ihr Atomwaffenarsenal in Europa abzurüsten, was wiederum den Warschauer Pakt in eine bessere Lage für eine Invasion bringen würde. Als jedoch eine Bestandsaufnahme des Staatsschatzes gemacht werden soll, muss ein Fabergé-Ei, das in London versteigert werden soll, wiederbeschafft werden. Bond kommt dadurch Orlovs Kompagnon Kamal Khan auf die Spur, der die Aktion mit der atomaren Explosion mit Hilfe des Zirkus der exzentrischen „Octopussy“ durchführen. Die hat von alledem keine Ahnung…

  • Synchronisation

In den 1980er Jahren war der Werbespruch des Mineralölkonzerns Esso „Pack den Tiger in den Tank!“ (nach „Packen wir’s an!“ der 1970er Jahre). Während James Bond durch den Dschungel Indiens gejagt wird, begegnet ihm ein Tiger, dem er im Original „Sit up!“ zuruft (was ein Dompteur-Befehl ist), auf Deutsch aber feststellt: „Du gehörst in den Tank!“ Wieder einmal wurden sämtliche Akzente nicht übertragen, in diesem Film vor allem die indischen. Eine Squenz, die im Original bereits Deutsch ist (als Bond als Anhalter in einem deutschen Auto mitfährt, wobei man feststellen kann, wie gut Moore Deutsch spricht), wurde für den Film nochmals komplett übersetzt. Eingefügt wurde in der Eröffnungsequenz zudem der Satz „Ich muss tanken“, während im Original einfach stumm die „Fuel“-Anzeige leuchtet. Andererseits wurden auch übertragbare Wortspiele einfach fallengelassen. Im Zirkus in der amerikanischen Airbase sagt ein Adjudant des Generals beispielsweise zu Kamal Khan: „The General will make a big blast out of it.“, worauf Khan meint, dass er sicher nicht enttäuscht werden wird (diese Anspielung bezieht sich auf die bevorstehende Explosion), auf Deutsch sagt der Adjudant jedoch lediglich „Er [der General] geht für sein Leben gern in den Zirkus.“

  • Ein Blick auf die Story

„Octopussy“ ist eine weitere Kurzgeschichte, deren Inhalt allerdings nur grob als die Geschichte von Octopussys Vater in den Film eingeflossen ist. Die Auktion bei Sotheby’s, bei der ein Fabergé-Ei versteigert wird, stammt aus der Kurzgeschichte „The Property of a Lady“ (daher wird der Satz im Film auch so auffällig verwendet). Der Rest wurde neu geschrieben und wirkt etwas verworren. Orlovs Plan, die NATO zur Abrüstung zu zwingen, indem er einen Atomwaffenunfall provoziert, hat mehrere erhebliche Schwachstellen. Zum einen wäre es fraglich, ob Deutschland selbst nach einem solchen Unfall in der Lage gewesen wäre, die NATO-Verbündeten aufzufordern, die Atomwaffen aus dem eigenen Land zu entfernen. Zum zweiten, selbst wenn die NATO einseitig abgerüstet hätte, warum hätte das Komittee der Sowjetunion sich anders entscheiden sollen, nachdem sie zuvor schon eindeutig klar gemacht haben, dass sie keinen militärischen Erstschlag ausführen wollen? Die zweite Seite der Geschichte, dass Orlov den russischen Staatsschatz durch Kopien ersetzt, wirkt irgendwie in die Geschichte eingefügt. Kritiker führten dass darauf zurück, dass die Produzenten des Films unter Zeitdruck standen, weil Kevin McClory es geschafft hatte, ein Remake von „Feuerball“ mit dem Titel „Sag niemals nie“ zu produzieren (zu dem wir noch kommen), in dem Sean Connery nochmals die Rolle von 007 übernehmen sollte und „Octopussy“ unbedingt vorher in die Kinos kommen sollte.

Letzteres war auch der Grund, warum man sich um Roger Moores Rückkehr als Hauptdarsteller bemühte, obwohl James Brolin bereits Testaufnahmen gemacht hatte. Ein neuer Darsteller gegen den „Ur-Bond“ hätte zweifellos schlechte Karten gehabt. Dennoch verlies man vertraute Pfade, indem mit „All Time High“ zum ersten Mal ein gesungenes Titellied verwendet wurde, in dem der Titel des Films nicht genannt wurde (bei „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ wurde nicht gesungen; bei „Der Spion, der mich liebte“ heißt das Titellied zwar „Nobody does is better“, aber der Titel wird dennoch im Text genannt: „Nobody does it better… than the spy who loved me…“). Grenzwertig albern aus den Augen mancher Fans waren teilweise die Gags, die in dem Film verwendet wurden, etwa als sich Bond zu Johnny Weissmüllers Tarzan-Ruf von Liane zu Liane schwingt. Auch die Kritiker waren nicht begeistert und gegen „In tödlicher Mission“ fällt der Film deutlich ab. Hinzu kam, dass Roger Moore es langsam müde wurde, Bond zu spielen. Sein Vertrag war inzwischen ausgelaufen und über jeden Film wurde neu verhandelt. Und so kam die Ankündigung, dass der nächste Film sein definitiv letzter Bond-Auftritt sein sollte. Er wurde als „From a View to a Kill“ angekündigt.

IM ANGESICHT DES TODES


In Sibirien findet James Bond bei der Leiche eines britischen Agenten den Prototyp eines Computerchips, der offenbar an die Russen weitergegeben wurde. Auf diese Weise wird man auf die Firma von Max Zorin aufmerksam. Zu den Hobbys des Eigentümers gehört die Pferdezucht, das Dopen von Pferden mit natürlichen Steroiden und die Zerstörung von Silicon Valley mit Hilfe eines provozierten Erdbebens und einer Flutwelle. Letzteres soll ihm die Vormachtstellung auf dem Markt für Computerchips verschaffen. 007 kommt dem Plan mit Hilfe der Geologin Stacey Sutton auf die Spur. Die Zeit drängt, denn Zorin hat bereits große Mengen Sprengstoff an einer empfindsamen Stelle des San-Andreas-Grabens deponiert. Explodiert dieser, ist Silicon Valley Geschichte…

  • Synchronisation

Wieder gab es Anpassungen zu machen. Der Polizist, der James Bond in San Franzisko verhaften will, sagt auf dessen Erklärung, er (Bond) sei britischer Geheimagent: „And I’m Dick Tracy, and you’re still under arrest.“ Da Dick Tracy zu dem Zeitpunkt in Deutschland noch nicht so bekannt war (der Film mit Warren Beatty sollte erst fünf Jahre später in die Kinos kommen), behalf man sich mit einer anderen, bekannteren Comic-Figur: „Und ich bin Donald Duck, und der verhaftet Sie.“ Der Ersatz ist nicht ganz gleichwertig. An einer anderen Stelle hilft 007 Stacey Sutton beim Aufräumen des Hauses, nachdem ein paar von Zorins Schergen einen Einbruch versucht haben. Beim Aufheben der Scherben einer Vase zitiert er dabei das Gedicht „Humpty Dumpty„, das besondere internationale Bekanntheit durch Lewis Carolls Buch „Alice hinter den Spiegeln“ erlangte: „I’m afraid all the king’s horses and all the king’s men won’t do much for that.“ Da aber auch hier wieder der Bekanntheitsgrad in Deutschland nicht zu groß war, verwendete man in der Übersetzung ein Sprichwort: „Ich fürchte, Sie müssen sich mit dem alten Spruch trösten, dass Scherben Glück bringen.“

Gänzlich anders übersetzt wurde auch der Satz, der tatsächlich den Titel des Films beinhaltet. Beim Anblick von San Franzisko aus der Gondel von Zorins Zeppelin meint seine Freundin May Day beeindruckt: „Wow! What a view!“, worauf Zorin antwortet: „To a kill!“ Im Deutschen ist das Gespräch banaler: „Wow! Was für eine Aussicht!“ – „Auf das große Geschäft!“

Geändert wurden auch die nationalsozialistischen Bezüge von Zorins „Erschaffer“ Mortner, der in einem KZ Experimente mit schwangeren Frauen machte, in der deutschen Fassung wurde er zu einem polnischen Wissenschaftler, der für den KGB arbeitete.

  • Ein Blick auf die Story

Wieder wurde ein aktuelles Thema aufgegriffen: Computerchips, die immer wichtiger wurden für die Welt, so wichtig, dass selbst die Russen am Ende Bond den Lenin-Orden verleihen wollten, weil er die Zerstörung von Silicon Valley verhindert hat. Doch es sind gewisse Ermüdungserscheinungen zu sehen. Sehr auffällig sind die per Blue-Screen-Verfahren eingefügten Nahaufnahmen von Roger Moore in der Skisequenz am Anfang, die so gar nicht zum Rest passen wollen. Roger Moore selbst fand, dass es nunmehr Zeit würde, den Hut zu nehmen und den Platz für einen Jüngeren zu räumen. Wie es mit Bond weitergehen sollte, wusste man nicht genau, so dass sogar am Ende des Films der Titel der Fortsetzung nicht genannt wurde, sondern es nur hieß: „James Bond will return“.

Interessanterweise hatte Christopher Walken als Zorin die besseren Kritiken, als der Held des Films selbst. Das Konzept bedurfte offenbar einer Überarbeitung, obwohl natürlich auch „Im Angesicht des Todes“ kein wirklicher Misserfolg war. Die Produzenten sahen diese Möglichkeit der Überarbeitung mit einem neuen Hauptdarsteller nun gekommen. In der Tat änderten sie einiges.

Ende? Nein, nicht ganz. James Bond wird zurückkehren in:

AGENT MIT EIGENSINN: Timothy Dalton ist James Bond

„112 – Sie retten dein Leben“ – Eine genauere Kritik

Direkt im Anschluss an die erste Folge der neuen RTL-Action-Soap-Wasauchimmer-Serie „112 – Sie retten dein Leben“ habe ich mich hingesetzt und unter dem ersten Eindruck eine Kritik geschrieben. Dieser erste Eindruck war… schlecht. Sollten Sie ihn bisher noch nicht gelesen haben, nehmen Sie sich die Zeit und holen Sie es nach – Sie finden den Artikel hier: „Tatü – Tata: 112 – Wer rettet wen und warum?“ Ich warte so lange, bis Sie wieder da sind.

Gelesen? Schön. Wie ich in dem Artikel angekündigt habe, habe ich mir tatsächlich die komplette erste Woche dieser Serie angetan. Manchen Serien muss man eine gewisse Zeit geben, damit sie sich entwickeln können, oder damit man eventuell sehen kann, in welche Richtung es geht (so ist es mir persönlich zum Beispiel bei „Babylon 5“ gegangen). Da es sich bei „112…“ um ein Format mit recht kurzen Episoden handelt, ist es nicht möglich, sehr viel Handlung in einer Folge unterzubringen. Aber nun, nach fünf Folgen, kann man schon etwas klarer sehen, daher hier meine Nachbesprechung – wieder aus dem Blickwinkel eines Menschen, der – im Gegensatz zu den Schreiberlingen dieser Serie – Ahnung von der Materie hat. Ich möchte die Kritik aufteilen, zuerst eine allgemeine Einschätzung, dann werde ich mir jede der vier Folgen seit letztem Dienstag einzeln vornehmen, und dann eine abschließende Einschätzung über das Potential der Serie. Ja, sie hat ein Potential – ein Gefahrenpotential. Aber dazu kommen wir später.

Mr. Pither: Sie sind Konteradmiral Sir Dudley Compton?
Chinese: Nein. Er gestorben. Hat Herzinfarkt und fallen aus Fenster auf explodierende Bombe und getötet in Schießerei.
(aus „Monty Python’s Flying Circus“, Episode 34: „Die Fahrradtour“)

Als ich die zweite Folge der Serie sah, war ich kurz geneigt, mich positiv überraschen zu lassen. Leider wurde das alles zunichte gemacht, so dass ich zu dem Schluss kam: nach der Freitags-Folge werde ich mir keine weitere mehr antun. Ich tat es, weil ich der Serie eine Chance geben wollte. Immerhin ist es tatsächlich so, dass eine tägliche Serie, die die Arbeit von Feuerwehr und Rettungsdienst thematisiert, ein neues Konzept ist. Nicht neu ist hingegen die Umsetzung. Es ist mehr „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, nur dass die ganzen Jugendlichen durch (einigermaßen) erwachsene Menschen ersetzt wurden und halt nicht in einem hippen Café oder einer Werbeagentur arbeiten, sondern im Rettungswesen. Die persönlichen Geschichten, die erzählt werden, könnte so auch in irgendeine andere Umgebung gesetzt werden, sie sind völlig austauschbar und gehen mir mittlerweile auf die Nerven. Hier wurden Möglichkeiten einfach verschenkt. Mal ganz davon abgesehen, dass die Menschen genauso zickig reagieren, wie in jeder anderen Seifenoper. Gibt es ein Problem oder einen Konflikt, redet man nicht darüber, nein, man schweigt beleidigt. Auf diese Weise lässt sich der Konflikt über unzählige Episoden hinziehen und man muss sich nichts neues ausdenken.

Verschenkt wurden auch die Möglichkeiten, einen Hintergrund aufzubereiten, denn darüber erfährt man eigentlich nichts. Okay, man sieht, Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei unter einem Dach – das scheint eine Novität zu sein. Aber warum? Was ist das? So eine Art Pilotprojekt? Das wird nicht gesagt. Ist die Verwaltungschefin deswegen so hinter den Zahlen her, weil sie weiß, wenn die Kosten aus dem Ruder laufen, wird das Experiment auch ganz schnell wieder abgeblasen? Was ist das mit der „Paramedic“? Wird hier ein neues Berufsmodell für den Rettungsdienst ausprobiert? Fragen, deren Antworten recht spannend sein könnten. Leider wurde das alles in die Wolken geblasen für ein bisschen Action und 08/15-Seifenoper-Handlung. Und wo wir gerade von der Action reden: Das Zitat aus dem „Flying Circus“ habe ich oben gebracht, weil ich bei jeder Folge an diese Szene denken musste. Es reicht nämlich nicht ein einfacher Notfall, nein, da muss immer noch was draufgegeben werden. Und damit zu den einzelnen Folgen. Da diese keine Titel haben, habe ich einfach Folgennummer und Datum angegeben.

Folge 2, 26. August 2008

  • Der Notfall

Aufgrund eines schlecht ziehenden Holzkohleofens verraucht eine Wohnung. Als die Feuerwehr den Kamin freiräumen will, entsteht ein Kellerbrand – und das in der Nähe einer schlecht verlegten Gasleitung, die zu explodieren droht.

  • Plotlöcher

Konsequenzen aus Folge 1: In Folge 1 überschreitet der von Dominic Saleh-Zaki dargestellte Polizist Florian Carstens ein paar Grenzen, als er Anweisungswidrig handelt und die Notfallsituation damit verschärft. Er muss sich hier einiges anhören und ehrlich, ich war positiv beeindruckt: Alles, was ich über den Eigenschutz in meiner ersten Kritik gesagt hatte, kam hier zur Sprache. Das waren regelrecht lichte Momente, in denen ich hoffte, man würde mehr daraus machen. Leider blieb es dabei, aber eigentlich sollte man Einsatzleiter Ingo Benders (Gernot Schmidt) Satz den Schreibern der Serie auf die Stirn tackern: „Bringt Euch nicht in Gefahr, das bringt den Opfern auch nichts!“

Paramedic – oder so: In meiner Kritik zu Folge 1 habe ich die Liebschaft des Dienststellenleiters, deren Namen ich leider vergessen (oder verdrängt) habe, noch als „Notärztin“ bezeichnet. In dieser Folge kommt nun heraus – das ist sie gar nicht. Florian Carstens bezeichnet sie hämisch als „Paramedic“, weil „zum Medizinstudium hat’s wohl nicht gereicht“. Ich weiß nicht, wo die Schreiber das her haben, aber in der Tat gibt es im Moment eine berufspolitische Diskussion um die Zukunft der Ausbildung im Rettungsdienst. Eine der Überlegungen ist es, eine Art „Paramedic“ als Beruf im Rettungsdienst einzuführen. Insofern wäre das in der Serie dargestellt Projekt wirklich richtungsweisend – aber wie schon mehrfach gesagt, man macht einfach nichts draus. Lieber konzentriert man sich auf das Verhältnis der Paramedic zu Dienststellenleiter Martin Carstens (Joachim Raaf), Florians Vater, was ein kompliziertes – und sehr konstruiertes – Dreiecksverhältnis aufbaut. Den Beruf „Paramedic“ gibt es derzeit nicht, auch haben Rettungsdienstmitarbeiter nicht die Befugnisse, die die Paramedic in der Serie ausübt (Medikamentengabe und Defibrillation ohne Notarzt und dergleichen – es gibt da zwar die so genannte „Notkompetenz“, aber das würde hier zu weit führen).

Disponentin „erhört“ den Notfallort: Bei dem Notfall dieser Episode ist eine junge Frau in einer Wohnung, die gerade von einem schlecht ziehenden Ofen verraucht wird. Sie wählt den Notruf, kann allerdings keine Angaben mehr über ihre Adresse machen. Was tun? Die Disponentin hört auf Hintergrundgeräusche und kann so den Notfallort eingrenzen. Ui, toll… Darf ich gleich zwei Alternativen anbieten, die ein wenig realistischer gewesen wären? Nummer eins, auch wenn die Anruferin ein altes Wählscheibentelefon hat, so müsste es dennoch möglich sein, ihren Anschluss zu ermitteln – schon hat man ihre Adresse. Ta – da! Wie, zu langweilig? Okay, Alternative zwei: Die Anruferin hat im Verlauf des Gesprächs erzählt, sie wolle nicht zu den Nachbarn gehen (um die genaue Adresse zu erfragen), die hätten sie kürzlich angezeigt, weil sie Gras (Canabis) auf ihrem Balkon angebaut habe. Dann muss es doch einen Eintrag bei der Polizei geben. Den Namen der Frau hat man, man fragt den Computer der Polizei ab – schon hat man ihre Adresse. Ta – da!

  • Notfall-Kokolores

Vorgehen ohne Atemschutz: Obwohl bekannt ist, dass in der Wohnung Brandgase vorhanden sind, gehen sowohl der Einsatzleiter der Feuerwehr als auch die Besatzung vom Rettungswagen ohne Atemschutz in die Wohnung. Dass das Rettungsdienstpersonal mit in die Wohnung kommt, ist an sich schon ein Unding. Die Rettung solcher Personen ist Sache der Feuerwehr – MIT Atemschutz.

Lass Dich drücken: Was zur Hölle macht die Paramedic, als der Einsatzleiter nach der Explosion – die er erstaunlich gut überstanden hat, obwohl ihn die Feuerwalze voll erfasst, hochschleudert und er auf seiner Pressluftflasche landet – auf der Trage liegt? Er hat Kammerflimmern, offenbar soll das, was sie tut, so was wie eine Herz-Druck-Massage sein. Es sieht aber aus wie Brustkorb streicheln. Dass sie kurz darauf den Defibrillator verwendet, ist sogar korrekt. Ein Kammerflimmern kann durch einen gezielten Stromstoss bekämpft werden.

Guten Morgen, Sonnenschein: Ich habe das Gefühl, ich bewege mich im Kreis. Noch in der ersten Kritik habe ich von den Patienten erzählt, die gleich nach einer Reanimation aufwachen – und zack! Was passiert? Der Einsatzleiter wacht auf, nachdem er wiederbelebt werden musste. Er gibt sogar Anweisungen und muss sich dafür die Kommentare von Kollegen anhören. An der Stelle hab ich 500 Milligramm Acetylsalicylsäure gebraucht.

Folge 3, 27. August 2008

  • Der Notfall

Ein Mann wird von seiner Frau verlassen. Als sie aus dem Haus tritt, schießt er sie vom Balkon aus nieder. Als der Rettungsdienst und die Polizei eintreffen, schießt er auch auf sie und hindert sie so daran, der Verletzten zu helfen.

  • Plotlöcher

Dieses Büro ist zu klein für uns beide: In jeder Episode zanken sich Carstens und die Verwaltungschefin Doktor Driesen (Sandra Schlegel). So auch hier. Nur langsam wird es langweilig, weil die Diskussion stets unsachlich ist, gerade so, als ob beide keine Ahnung haben, um was es eigentlich geht.

Das Bermuda-Dreieck: Weiter wird die Dreiecksbeziehung zwischen Carstens, seiner Geliebten und seinem Sohn ausgewalzt. Alles dazu habe ich bereits weiter oben erwähnt.

  • Einsatz-Kokolores

Noch fünfzehn Minuten bis Buffalo: Theodor Fontane möge mir verzeihen, dass ich sein Zitat aus „John Maynard“ mit einer Seifenoper in Verbindung bringe, aber es passt: Als die Frau verletzt auf dem Rasen liegt, sagt die Paramedic, sie habe „noch fünfzehn Minuten“, bevor sie verblutet. Wo nimmt sie diese Zahl her, noch dazu, da sie die Verletzte wegen des rumballernden Ehemans gar nicht richtig hat untersuchen können?

Ich gehe nirgendwo hin: Der Dienststellenleiter leitet zwar den Einsatz seiner Polizisten – aber er tut das von der Wache aus. Das eigentliche Verfahren – und ich denke, dass das bei der Polizei ähnlich ist wie bei anderen Hilfsdiensten – ist, dass ein Einsatzleiter vor Ort ernannt wird. Es ist viel zu Umständlich, einer in einem Büro weit entfernt sitzenden Person über Funk die Situation zu erklären, damit diese dann Entscheidungen treffen kann. Noch dazu, da sich die Situation von Sekunde zu Sekunde ändern kann und möglicherweise eine schnelle Entscheidung gefragt ist.

Folge 4, 28. August 2008

  • Der Notfall

Durch einen Defekt gerät der Motor eines Aufzugs in Brand. In dem Aufzug sind zwei Personen eingeschlossen, von denen eine kollabiert. Beim Rettungsversuch stellt sich heraus, dass bei der Wartung des Aufzugs gepfuscht wurde und das Tragseil zu reißen beginnt.

  • Plotlöcher

Und täglich grüßt das Murmeltier: Das Dreieck Vater-Sohn-Liebschaft bekommt langsam spitze Winkel, als der Sohn der Liebschaft gegenüber den Vater als Weiberheld darstellt (nicht ahnend, wem er das erzählt). Statt das Gespräch zu suchen, zieht sich die Paramedic beleidigt zurück. Vorausschaubare Teletubbie-Dramaturgie. Obwohl, das ist nicht ganz fair. Ich entschuldige mich bei den Teletubbies (und das war jetzt auch vorausschaubar, was?).

Und er soll heißen „ZDLs Traum“ – weil er so seltsam angezettelt ist: Hat man das schon erlebt – Fontane und Shakespeare zusammen in einer Kritik über eine Seifenoper? Nun, „Ein Sommernachtstraum“ ist „112…“ wahrlich nicht, denn in dieser Folge wird mit dem nächsten Klischee aufgefahren: Ein neuer Zivildienstleistender (kurz „ZDL“) hat seinen Einstand, dem die Null-Bock-Einstellung schon auf die Stirn geschrieben steht. Was macht so jemand ausgerechnet beim Rettungsdienst? Es gibt viel bequemere Stellen, wo man den Zivildienst „runterreißen“ kann.

Das „Pilot“-Projekt: Etwas ganz besonderes haben die Schreiber offenbar mit dem Piloten des Hubschraubers vor, der feststellt, dass seine Hände unkontrolliert zu zittern beginnen. Es handelt sich hierbei vermutlich um die „Oh-Gott-wenn-das-rauskommt-kann-ich-meinen-Job-nicht-mehr-machen-was-dann-ich-verheimliche-es-lieber-auch-wenn-ich-dabei-mein-Leben-und-das-von-anderen-riskiere“-Handlung, die ihren Lauf nimmt.

  • Einsatz-Kokolores

Alte Seilschaften: Um zu der zwischen zwei Stockwerken hängenden Aufzugskabine zu kommen, klettern sowohl Polizist Carstens (der Sohn) als auch die Paramedic (des Vaters Liebschaft) am Aufzugsseil hinab. Der Eigenschutz hatte wohl gerade seinen Jahresurlaub eingereicht. Oder um es mit den Worten der Paramedic (allerdings aus der nächsten Folge) zu sagen: „Das geht ja mal sowas von gar nicht!“

Ohr-Troubles – Problem mit den Ohr’n: In der Aufzugkabine angekommen wird der bewusstlose Patient untersucht. Mit Hilfe eines Stethoskops stellt die Paramedic die Diagonse „Kammerflimmern“. Das kann man nur mit einem EKG, hören tut man bei einem Kammerflimmern – gar nichts. Das Herz steht nämlich praktisch still. Das bringt uns zum nächsten Punkt.

Dieser Notfall wird Ihnen präsentiert von SALZ(TM). Denn: SALZ(TM) ist überall. Gewöhnen Sie sich dran! Nachdem die Paramedic also die Diagnose „Kammerflimmern“ gestellt hat, brüllt sie den Schacht hoch nach ihrer Notfalltasche (die in der Serie übrigens konsequent falsch als „Koffer“ bezeichnet wird). Warum die Notfalltasche? „Ich brauche die Salzlösung!“ Salzlösung, okay, den Begriff als solches kann man noch durchgehen lassen, aber bei einem Kammerflimmern wäre der Defibrillator das Mittel der Wahl. Die Infusion bringt gar nichts. Sie macht aber nichts dergleichen, auch keine Wiederbelebung. Hätte er wirklich ein Kammerflimmern gehabt, wäre der Mann gestorben. Aber wir sind ja nur beim Fernsehen. Ist ja alles gar nicht echt. Der tut ja nur so.

Entschuldigung. Ich mache gleich weiter. Ich muss nur meine Fassung wiederfinden.

Danke, geht schon wieder. Also, weiter im Text. Ist ja nur noch eine Folge.

Folge 5, 29. August 2008

  • Der Notfall

Ein Verkehrsunfall. Ein Motorradfahrer stürzt, ein Kleintransporter weicht ihm aus und überschlägt sich. Der Kleintransporter landet genau auf der Fracht des Motorrads, ein Spenderorgan, das dringend benötigt wird.

  • Plotlöcher

Väter der Klamotte: Natürlich muss das Dreieck noch ein wenig komplizierter werden. Der Sohn entlarvt die „Maschen“ des Vaters und dessen Vorliebe bei Frauen. Die Paramedic wird noch zickiger (falls das überhaupt geht). Habe ich die Teletubbies schon erwähnt?

Der Fluch des Navigators: Die Ausfälle des Piloten werden immer heftiger, Händezittern, verschwommenes Sehen, starke Kopfschmerzen. Laut den Regeln der Seifenopern-Medizin spricht das alles dafür, dass der Pilot ein Hirntumor hat. Das würde zu der „Oh-Gott-wenn-das-rauskommt-kann-ich-meinen-Job-nicht-mehr-machen-was-dann-ich-verheimliche-es-lieber-auch-wenn-ich-dabei-mein-Leben-und-das-von-anderen-riskiere“-Handlung noch die „Oh-Gott-ich-habe-eine-gefährliche-Krankheit-sag-es-aber-niemandem“-Handlung dazubringen. Das Resultat wäre eine „Oh-Gott-ich-habe-eine-gefährliche-Krankheit-die-meine-Leistungskraft-beeinflusst-wenn-das-rauskommt-kann-ich-meinen-Job-nicht-mehr-machen-was-dann-ich-verheimliche-es-lieber-auch-wenn-ich-dabei-mein-Leben-und-das-von-anderen-riskiere“-Handlung.

Rettung aus der Not: Ein gewisser Doktor Tom Wagner (Max Alberti) stellt sich vor, der demnächst als „Rettungsarzt“ anfangen soll. Anderswo nennt man solche Leute „Notarzt“ – und wieder wird mir das System nicht klar, denn bisher hat man keinen Notarzt im Einsatz gesehen, nur die Paramedic. Wozu braucht man den Neuen, außer zum Aufpeppen der Handlung?

„Ent-scheidung“ ist auch ’ne Scheidung: Dienststellenleiter Carstens und Frau Doktor Driesen geraten mal wieder aneinander. Sie will den Hubschrauber aus Kostengründen nicht starten lassen. Auch wenn die Bürokraten mittlerweile im medizinischen Sektor sehr viel Macht haben, so weit ist es noch nicht. Wird ein Hubschrauber gebraucht, startet ein Hubschrauber – über die Kosten kann man nachher streiten.

Flieger, grüß mir die Sonne: Das Konzept mit dem Hubschrauber ist mir auch nicht ganz klar. Da ist also an dieser Rettungszentrale ein Hubschrauber stationiert. Mit einem Piloten. Punkt. Der rückt ab und zu mal aus und wird auch für Rettungstransporte benutzt. Aber mit welcher Besatzung? Der vor Ort? Heißt das, die lassen ihr Auto stehen und fliegen mal schnell wohin? Bin ich der einzige, dem das in irgendeiner Art und Weise merkwürdig vorkommt.

  • Einsatz-Kokolores

Blaulicht an, Hirn aus: Ja, es gibt Leute bei den Hilfsorganisationen, die eine riskante Fahrweise haben. Aber so, wie das in der Serie gezeigt wird, ist das trotzdem arg überzogen.

Ich drück‘ dich: Der Hubschrauber drückt mit seinen Kufen den Transporter zur Seite, so dass das darunter eingeklemmte Transportbehältnis mit dem Spenderorgan herausgeholt werden kann („Medicopter 117“ lässt grüßen). Das ist natürlich hanebüchen und viel zu gefährlich. Außerdem hätte die Feuerwehr geeignete Mittel, so ein Auto sicher anzuheben.

Sonntags-Rede: Schließlich steht die Besatzung des Rettungswagens vor demselben und unterhält sich. Drin im Fahrzeug liegt der Patient. Wer kümmert sich um ihn?

Finaler Rettungs-Schluss: Schließlich kam die Stelle, die mich endgültig davon überzeugte, dass ich mit den Kritiken an dieser Serie nicht mehr weitermachen sollte, da ich sonst Gefahr laufe, dass mein Gehirn implodiert. Nachdem der Pilot wieder zurück ist auf der Station wird er von einer anderen Paramedic angesprochen, weil er so müde aussieht. Um ihn aufzumuntern, sagt sie folgenden Satz:

„Was Du heute geleistet hast, das hätte nicht jeder von uns geschafft!“

Was ist das für ein Binsenwahrheits-Müll? Natürlich hätte das nicht jeder von den anderen geschafft. Ich wage sogar zu behaupten, dass keiner von den anderen das geschafft hätte, weil er eben Pilot ist und als einziger einen Hubschrauber fliegen kann! Und damit kommen wir zum Ende meiner persönlichen Reihe über diese Serie und der angekündigten Einschätzung.

Ist doch einfach nur noch so ’ne Serie – ist das wirklich so schlimm?

Die Zuschauer der Science-Fiction-Serie „Babylon 5“ waren sich bewusst, dass das, was sie sehen, nicht real ist. Die Menschen haben keine Raumstation diesen Ausmaßes im All und auch keinen Kontakt zu den außerirdischen Spezies, die dort mitspielten.

Bei Serien, die irgendwie auf „real“ machen, wie eben auch Seifenopern, ist das was anderes. Es gibt genügend (und meiner Ansicht nach zu viele) Leute, die glauben Beziehungen funktionieren genau so, wie sie den Seifenopern eben nicht funktionieren. Und Serien, die wie „112…“ den Realismus fast zur Gänze vermissen lassen, verbreiten leider über das Genre, in dem sie spielen, ein gefährliches Halbwissen. Es ist zwar positiv, dass mit dem Titel die neue alte Notrufnummer 112 publik gemacht wird, der Rest jedoch wirft den Rettern in manchen Situationen mehr Steine in den Weg, als man denken mag. Beispiele gefällig? Ich habe genügend. Das Folgende habe ich entweder selbst erlebt oder aus erster Hand von Kollegen erzählt bekommen:

  • Wir (Besatzung eines Rettungswagens) wurden zu einem Notfall in eine Wohnung gerufen, ein Mann sei kollabiert. Beim Eintreffen stellen wir fest, dass der Mann, etwa 75 Jahre alt, einen Herzstillstand hat. Als mein Kollege ihm das Hemd aufreißt und mit einer Herz-Druck-Massage beginnt, fällt ihm die Ehefrau in die Arme mit den Worten: „Hören Sie auf! Sie bringen ihn ja um!“ Wertvolle Zeit geht verloren, während wir die Frau davon überzeugen müssen, dass eine „richtige“ Herz-Druck-Massage nichts mit dem Brustkraulen zu tun hat, das sie aus dem Fernsehen kennt.
  • Beim Brand eines Mehrfamilienshauses sind wir (Besatzung eines Rettungswagens) als erste vor Ort (in Ortschaften mit freiwilliger Feuerwehr kommt das vor, da wir schon am Standort sind und nur noch ausrücken müssen, während die Feuerwehrler erstmal zur Wache kommen müssen). Aus mehreren Fenster schlagen die Flammen. Personen sind keine mehr im Gebäude, aber in der Wohnung oberhalb des Brandes seien noch zwei Hunde. Eine Bewohnerin verlangt (!) von mir, ich solle in das Gebäude gehen und die Hunde rausholen. Als ich versuche, ihr zu erklären, dass das viel zu gefährlich ist, erwidert sie schnippisch: „Im Fernsehen tut Ihr immer so, als wärt Ihr die Helden. Aber wenn’s mal drauf ankommt, dann ist halt nichts.“
  • Bei einer geringfügig außer Kontrolle geratenen Feier von ungefähr acht Jugendlichen zwischen vierzehn und siebzehn erleidet ein Fünfzehnjähriger vermutlich aufgrund seines Alkoholkonsums einen cerebralen Krampfanfall (umgangssprachlich auch „epileptischer Anfall“ genannt). Nachdem der Rettungsdienst vor Ort ist, erklärt einer der Jugendlichen, nachdem sein Freund nicht mehr reagiert und nur noch gezuckt habe, habe er bei diesem eine Herz-Druck-Massage durchgeführt. Als der Notarzt nachfragt, erklärt er seine Methode: Wie im Fernsehen gesehen, habe er sich auf den Bauch des am Boden liegenden Bewusstlosen gesetzt und mit beiden Händen beide Seiten des Brustkorbs eingedrückt. Mal ganz davon abgesehen, dass die Reanimations-Methode falsch ist, ist eine Bewusstlosigkeit an sich kein Grund, jemanden wiederzubeleben. Der Fünfzehnjährige hat die „Behandlung“ zum Glück unbeschadet überstanden.
  • Bei einer Reanimation, bei der schnell feststand, dass dem Patient nicht mehr zu helfen war, wurde von Angehörigen nach Abbrechen der Maßnahmen gefragt, ob man denn nicht „mit dem Elektrodings“ (gemeint war der Defibrillator) noch was machen könnte. Den hätten wir ja gar nicht verwendet, und im Fernsehen hilft der immer.
  • Zuletzt: Bei mehreren Notfällen ist es mir und auch Kollegen schon passiert, dass wir Anweisungen von Schaulustigen bekommen haben, was zu tun sei, oder warum wir dies und jenes nicht tun würden. Bei einem speziellen Fall wurde ich gefragt, warum ich der Patientin nicht „was wegen dem Blutdruck spritze“ (die Patientin war eine Leichtverletzte eines Verkehrsunfall, aber wegen des Schrecks etwas blass). Als ich darauf entgegne, dass das nicht nötig sei und ich sowieso keine Medikamente spritzen dürfe, bekomme ich zu hören: „Ja, ja, wenn Ihr nur an Euren blöden Vorschriften kleben könnt. Und ob’s den Patienten gut geht, ist Euch egal.“ Dass das Nichtbefolgen der „blöden Vorschriften“ für mich im Zweifelsfall die Konsequenz haben könnte, entlassen zu werden und nicht mehr im Rettungsdienst arbeiten zu dürfen, ist offenbar egal.

Es gab einmal eine Untersuchung über Reanimationen im Fernsehen. Dabei kam man zu dem Ergebnis, dass Reanimationen im Fernsehen eine Erfolgsquote von etwa 95 % haben. Und der Zuschauer erwartet das gleiche in der Realität. Aber die Realität hält dem nicht stand. Das Fernsehen vermittelt den Eindruck, egal welcher Ausgangspunkt eine Reanimation hat, in den meisten Fällen geht es gut. Dass es rein aus dramaturgischen Gründen geschieht, wird übersehen. Man fällt auf die vorgegaukelte Realität herein. Und „112…“ bietet da leider nichts neues. Keine Innovation. Nur das, was man eh schon kennt, vorhersehbare Handlungsstränge, geschrieben von Ahnungslosen, produziert von Willenlosen, aber gesehen von den Massen. In meinem ersten Beitrag zu Serie schreibt ein Kommentator, er habe gelesen, dass 89 Folgen bereits produziert seien, er rechne aber damit, dass die Serie bald abgesetzt wird. Ich fürchte, dass das nicht der Fall sein wird. Zwar ist die Serie mit weniger als 13 Prozent Marktanteil gestartet, aber die Quoten haben sich im Verlauf der ersten Folgen auf 15,6 Prozent der Zielgruppe gesteigert. Und wenn das mit den 89 Folgen stimmt, dann ist für fast 18 Wochen Material vorhanden. 18 Wochen, in denen dem Publikum demonstriert wird, wie die Arbeit von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei nicht läuft.

Ein Gegenpunkt: Die Realität

Aber ich höre schon die Stimmen: Die Realität ist doch so langweilig. In guten Geschichten muss ein Konflikt herrschen, damit sie interessant werden. Richtig – aber wer sagt denn, dass die Realität langweilig sein muss? Ich meine, das ist die Notfallrettung. Menschen in Extremsituationen. Die kann man auch interessant rüberbringen, ohne solche Münchhauseniaden zu produzieren. Stoff gibt es wahrlich genug:

  • Beziehungen zerbrechen häufig an den ungewöhnlichen Arbeitszeiten und dem teilweise bis auf 48 Wochenstunden erhöhten Pensum – bei gleichzeitiger minderer Bezahlung.
  • Ein anderer Grund für das Zerbrechen von Beziehungen ist, dass Menschen mit „normalen“ Berufen die Motivation für den Rettungsberuf oft nicht nachvollziehen können.
  • Für Konflikte sorgen posttraumatische Belastungsstörungen nach schwerwiegenden Einsätzen, oder einer Belastungsstörung, die sich über Jahre hinweg schleichend entwickelt.
  • Ein anderes Konfliktszenario: Derzeit wird darüber gestritten, wie die Ausbildung im Rettungsdienst in Zukunft aussehen soll. Als Idealvorbild steht dabei der Paramedic aus den USA, der erweiterte Befugnisse (zum Beispiel Medikamentengabe) hat. Dagegen laufen Ärzteverbände – teilweise sehr rüde – Sturm, die ihre Felle davonschwimmen sehen (oder denen ein Zacken aus der Krone bricht); auf der anderen Seite sind da die Kostenträger, die sich weigern, die Kosten für eine verbesserte Ausbildung, die dann nötig wird, zu zahlen. Mittendrin ist der Rettungsassistent, auf den die Situation zurückfällt, und zwar jedes Mal, wenn er zu einem Einsatz kommt, bei dem er denkt: Ich könnte, ich sollte – aber ich darf halt nicht.
  • Und wo wir gerade von „Kostenträgern“ sprechen: Mehrfach habe ich die Rolle von Frau Doktor Driesen kritisiert, die sich ständig mit Carstens streitet. Ja, da gibt es einen Konflikt zwischen den „Leuten vom Fach“ und den „Leuten aus der Bürokratie“, aber das läuft auf einem ganz anderen Level ab, und nicht mit diesem „Mein-Schäufelchen-Dein-Förmchen-und-Du-bist-selber-doof“-Geplänkel, das einem hier geboten wird.

Was die Einsätze betrifft, auch diese sind nicht langweilig. Jeder ist irgendwie anders, und genügend davon ließen sich zu einer spannenden Episode umschreiben. Dann kann man auch auf die überkonstruierten Mehrfachsituationen verzichten (Fahrstuhl bleibt stecken UND Person kollabiert UND Fahrstuhl droht abzustürzen oder Patient mit Rauchgasvergiftung UND Kellerbrand UND explodierende Gasleitung). Wer in richtigen Einsätzen unterwegs war, der weiß, dass es das nicht braucht. Jeder Einsatz hat seine Eigenheit und sein Spannungspotential. Es gibt genügend Geschichten, sie sind da. Offenbar will sie nur keiner erzählen. Man müsste sich eben mit den Profis zusammensetzen. Aber so eine Fernsehfolge ist halt sehr viel schneller produziert, wenn die Beteiligten keine Ahnung haben.

Damit komme ich zum Ende. Wie angekündigt werde ich „112…“ nicht weiter verfolgen. Dass ich es nach der ersten Folge getan habe, war für diesen Bericht. Den habe ich hiermit abgeliefert. Ich wende mich wieder anderen Dingen zu. Dingen, die etwas erfreulicher sind. Die Seite Quotenmeter.de schreibt in ihrer Kritik über die Serie als Zusammenfassung: „Für alle Soap-Fans zu empfehlen, alle anderen Zuschauer werden nach kurzer Zeit wieder die Flucht ergreifen. Denn am Ende bleibt doch nur eine harmlose neue Endlosserie aus dem Dunstschatten der Daily-Soaps.“ Das kann ich fast so unterschreiben. „Fast“ deswegen, weil das Prädikat „harmlos“ so nicht stehenbleiben kann. Serien dieser Art sind, wie ich oben dargelegt habe, nicht „harmlos“. Aber wer weiß – vielleicht sieht das mal jemand ein und macht sich an ein völlig neues Projekt. Das würde ich mir sogar antun. Bis dahin bleibt mir nur ein verzweifelter Ausruf als Zitat zum Schluss:

„Satras hat sie gewarnt, Satras hat sie alle gewarnt! Aber niemand hört auf Satras! Armer Satras!“
(Satras in der Serie „BABYLON 5“ von J. M. Straczynski)

UPDATE: Die neueste Entwicklung von „112…“ gibt es hier: „‚112…‘ zum Vierten: Sie rettet nun keiner„. Deswegen wurde die Kommentarspalte dieses Beitrags auch geschlossen, kommentieren in Zukunft bitte beim neuen Beitrag.

Tatü – Tata: „112…“ – wer rettet wen, und warum?

Es gab ja schon Serien im Fernsehen, die einen richtig positiven Effekt hatten. Ein Musterbeispiel, was das betrifft, ist die amerikanische Serie „Emergency!“, die bei uns in Deutschland unter dem Titel „Notruf Kalifornien“ lief. Im Pilotfilm der Serie wurde der Kampf um die Ausbildung des Rettungsdienstpersonals thematisiert, es wurde beispielhaft erklärt, wie es zum Beruf des „Paramedics“ kam, und in den weiteren Folgen wurden Feuerwehr und Rettungsdienst bei der Arbeit gezeigt. Die Serie hat in Amerika viel dazu beigetragen, dass die Bevölkerung über die Strukturen der Rettungsdienste und deren Arbeit aufgeklärt wurden. Alle Fälle, die in der Serie gezeigt wurden, hatten reale Vorbilder, sie waren dem Wachenbuch einer „richtigen“ Feuerwache entnommen und unter Beratung von Experten fürs Fernsehen realisiert worden. Es hatte dazu geführt, dass die amerikanische Bevölkerung wusste, wer denn kommt, wenn man den Notruf wählt. Als die Serie eine Auszeichnung erhielt, wurde ein Zuseher, der kurz darauf einen Herzinfarkt erlitt, mit den Worten zitiert: „Ich wusste, wenn ich die 911 [den amerikanischen Notruf] wähle, dann kommen die Paramedics und helfen mir.“

In Deutschland haben wir dafür kein so glückliches Händchen, wie es scheint. Und das ist teilweise verheerend, denn tatsächlich ziehen etliche Bevölkerungsteile ihr Weltbild aus fiktiven Serien. Nehmen wir zum Beispiel Für alle Fälle Stefanie, eine Krankenhausserie um eine Pflegerin, bei der mehrfach die Darstellerin ausgetauscht, die jeweilige Figur aber immer (des Serientitels wegen) „Stefanie“ hieß. Diese Krankenschwester arbeitet mal auf Station, mal im OP, mal auf Intensiv – und das meistens innerhalb einer Folge. Und es wurde gern das Klischee bedient, dass Krankenschwestern immer mit Ärzten anbandeln. In der Tat gehen Angehörige der Gruppe der medizinischen Berufe viel häufiger Beziehungen mit Angehörigen dieser Gruppe ein, als das bei anderen Berufssparten der Fall ist, aber das weniger romantische, als mehr pragmatische Ursachen: die verkorksten Arbeitszeiten werden von einem Partner, der im gleichen oder ähnlichen Beruf arbeitet eher toleriert, die besondere Situation des Berufs besser verstanden. Außerdem verbringt man viel Zeit am Arbeitsplatz, ist sogar Nachts dort – soziale Kontakt außerhalb des eigenen Berufsfelds sind da schwierig.

Zu neuen Höhen, zumindest was den Rettungsdienst betrifft, wollte sich Medicopter 117 aufschwingen, landete allerdings umso unterirdischer. Hauptsache, es kracht und zischt – mehr war da nicht drin. Absoluter Tiefpunkt aus meiner Sicht war die Episode „Nasses Grab“, die in weiten Teilen aus James Camerons Kinospektakel „The Abyss“ abgeschrieben worden war – und zwar schlecht!

Nun schwingt man sich erneut auf, eine Rettungsserie zu starten: 112 – Sie retten Dein Leben (Eintrag beim Fernsehlexikon hier). Neu an dem Konzept: Sie läuft täglich Montags bis Freitags und dauert nur 25 Minuten pro Episode. Ich möchte hier einen kritischen Blick auf diese Serie werfen, aus der Sichtweise eines Menschen, der sich in dem Metier auskennt. Der Vollständigkeit halber – bevor Fragen aufkommen – möchte ich hinzufügen, dass ich seit 17 Jahren im Rettungsdienst arbeite, davon 12 Jahre als Rettungsassistent. Zunächst sehen wir uns mal an, woran es „medizinischen Serien“ in Deutschland bisher eigentlich meistens krankte:

  • Durcheinander von Bezeichnungen

Statt sich genau zu informieren, glauben manche Autoren scheinbar lieber an das, was sie zu wissen glauben. Da ist vom „Sanka“ die Rede, wenn ein Rettungswagen gemeint ist („Sanka“ ist eine Verballhornung einer Abkürzung für „Sanitätskraftfahrzeug“ und wird schon seit Jahren nicht mehr verwendet), von „Sanitätern“, „Notfallsanitätern“ oder gar „Rettungshelfer“, wenn eigentlich ein Rettungsassistent gemeint ist („Sanitäter“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung in Deutschland, und „Rettungshelfer“ ist die unterste Ausbildungsstufe im Rettungsdienst)… und so weiter. Klar, dem Zuschauer fällt sowas nicht auf, er weiß es ja nicht besser. Aber etwas mehr Akuratesse täten den Drehbüchern gut.

  • Absolute Ahnungslosigkeit im medizinischen Bereich

Manche Autoren scheinen – wenn überhaupt – lediglich ein medizinisches Nachschlagewerk zur Verfügung zu haben, um ihre Skripte zu schreiben. Niemand scheint ihnen zu erklären, wie das wirklich läuft, dass Ärzte zum Beispiel aufgrund eines isolierten Symptoms niemals innerhalb von Sekunden eine Diagnose stellen, schon gar nicht, wenn es sich um eine schwere Erkrankung handelt. Ganz besonders beliebt ist auch der „erwachende Reanimationspatient“ – in der Realität ein absolutes Unding, da man darauf achtet, dass solche Patienten eben nicht aufwachen.

  • Absolute Ahnungslosigkeit, was Abläufe betrifft

Wie geht man an einen Notfall heran? Ganz egal – hauptsache, der Held sieht gut aus. Da ich selbst auch schreibe, ist mir natürlich klar, dass die Realität sich manchmal unter der Dramatik einer Geschichte wegducken muss – aber die Realität deswegen zum Kriechgang zu verdammen?

  • Klischees und Konter-Klischees

Die Klischees habe ich weiter oben schon mal angesprochen. Es gibt dann noch Autoren, die offenbar der Ansicht sind, dass es bereits kein Klischee mehr darstellt, wenn man einfach die Rollen tauscht, also statt der Krankenschwester, die sich einen Arzt angeln will, nun einen Pfleger nimmt, der hinter einer Ärztin her ist. Genauso häufig wird auch gerne eine Frau in eine Führungsrolle gesetzt, einfach weil das gerade modern ist – und man das der Figur leider zu deutlich anmerkt, wenn sie den unsichtbaren Schriftzug auf der Stirn trägt: „Eigentlich hätte ich ein Mann sein sollen…“

  • Medizin für Vollidioten

Vor allem in älteren Serien gab es die Unart, den Ärzten Texte zu schreiben, in denen sich diese gegenseitig ihre Diagnosen erklärt haben. Gerade so, als ob ein Arzt nicht wüsste, dass eine „Apendizitis“ umgangssprachlich „Blinddarmentzündung“ genannt wird. Das wäre an sich noch nichts schlimmes, bei den „CSI“-Serien wird es auch immer noch praktiziert, um den Zuschauer nicht im Unwissen zu lassen. Aber bei manchen dieser Texte war es wirklich schlimm und teilweise überflüssig.

Kommen wir also nun zu „112 – Sie retten Dein Leben“. Eine sehr schöne Einschätzung der Serie gibt Michael Reufsteck im „Fernsehlexikon“ unter dem Titel „08/15 – Sie retten deinen Sendeplatz auch nicht„. Ich möchte mich der medizinischen und der handlungstechnischen Ebene zuwenden und heute die erste Folge unter die Lupe nehmen, die gestern lief. Danach soll es noch weitergehen, da jede Episode aber nur 25 Minuten lang ist, werde ich vielleicht wochenweise darüber schreiben. Ich weiß aber nicht, wie lange ich das durchhalte, vielleicht tut mein Gehirn bald so weh, dass ich es aufgebe.

Die einzelnen Folgen tragen offensichtlich keine Titel (ich habe zumindest keinen solchen entdeckt), deswegen gibt es als Angabe nur eine Nummer und den Tag der Ausstrahlung.

112 – Sie retten Dein Leben / Folge 1, 25. August 2008

  • Plotlöcher

Konzept: Ist es nicht eigentlich die Aufgabe der ersten Episode, den Zuschauer so weit in das Geschehen einzuführen, dass er versteht, worum es geht? Offenbar soll das besondere dieser Serie sein, dass Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei unter einem Dach organisiert sind und zusammenarbeiten. Das habe ich aber aus dieser ersten Episode nicht erfahren, lediglich aus der Pressemitteilung dazu. Überhaupt wurden von den Figuren nur ein paar vorgestellt, was an der beschränkten Zeit lag. Vielleicht hätte man doch eine Doppelfolge als Pilotfilm machen sollen? Insofern kann man über das Team noch nicht so viel sagen, außer, dass der Sohn vom Polizeichef von allen anderen aufgezogen wird, weil er „der Kleine“ ist.

Blinde Disponentin: Da bleibt abzuwarten, ob man in der Serie noch erfährt, wie das mit ihrer Erblindung war. Wenn Sie von Geburt an blind war, ist ihre Rolle völlig unrealistisch, denn um als Disponent bei Feuerwehr und Rettungsdienst zu arbeiten, muss man zuvor Berufserfahrung im Einsatz gesammelt haben. Und blinde Mitarbeiter gibt es im Fahrdienst des Rettungsdienstes nicht, weil es einfach nicht geht.

  • Notfall-Kokolores

Einsatztaktik: Ein (vermutlicher) Verkehrsunfall wird gemeldet. Die Disponentin entsendet laut ihrer Durchsage einen Rettungswagen (RTW), einen Einsatzleitwagen (ELW) und ein weiteres Fahrzeug, dessen Bezeichnung nicht zu verstehen ist, weil in dem Moment die dramatische Musik immer lauter wird. Wohlwollend kann man ihr zugute halten, dass die unverständliche Bezeichnung kein Fahrzeug, sondern einen ganzen Zug meint, denn es rücken wesentlich mehr Fahrzeuge aus: zwei Polizeifahrzeuge, ein Rettungswagen, ein Notarzteinsatzfahrzeug (NEF), ein Einsaltzleitwagen, ein Vorausrüstwagen (VRW), eine Drehleiter mit Korb (DLK) und ein Fahrzeug mit einer Hebebühne.

Hubschrauber: Der Hubschrauber wird nachalarmiert, allerdings ist mir nicht ganz klar geworden, wie dieser besetzt ist. In der Szene macht es den Eindruck, als wäre er nur mit Pilot besetzt zum Notfallort geflogen – und das wäre Blödsinn.

Eigenschutz: Es ist nicht actiontauglich, ich weiß, aber es gibt bei der Notfallrettung eine in Stein gemeißelte Regel – „Eigenschutz geht vor!“ Natürlich hätte der Wagen jederzeit abstürzen können, aber trotzdem hätte er zuerst abgesichert werden müssen. Das Manöver, die Notärztin von der Hebebühne aus über den Abhang in das lediglich mit einem einzelnen Stahlseil gesicherte Auto abzuseilen, ist hochgefährlich – und wenn dabei etwas passiert, ist der Einsatzleiter dran. Der kann seinen Hut nehmen. Keiner – außer vielleicht ein paar unter Adrenalin stehenden übereifrigen – riskiert seine Gesundheit oder sein Leben in einem solchen Einsatz leichtfertig. Aber das Thema „Eigenschutz“ war schon bei dem geistigen Tiefflieger „Medicopter 117“ immer so eine Sache gewesen.

Notfallmedizinisches: Anweisung der Ärztin: „Mach den Koffer auf!“ Der „Koffer“ ist eine Notfalltasche. Als die Ärztin kurz darauf der Patientin in die Augen leuchten will, um die Pupillenfunktion zu kontrollieren, sieht man deutlich, dass sie daneben leuchtet. Dann wird es „Wischi-Waschi“, die Ärztin will ein „stabilisierendes Mittel“ geben, damit die Patientin die Rettung übersteht. Ein „stabilisierendes Mittel“ in diesem Sinne gibt es nicht. Nachdem die Rettung geglückt ist, wird von einem „Tropf“ geredet, diese Bezeichnung verwendet man im medizinischen Personal eigentlich nicht mehr, es heißt einfach „Infusion“. Und als die Patientin beim Hubschrauber auf der Trage liegt, ist der Stifneck, die stabilisierende Halskrause, verrutscht – so sehr, dass diese den Kopf wenden kann, was der Stifneck eigentlich verhindern soll.

Kapazitätsprobleme: Als der Sohn der Patientin gefunden ist, will dieser natürlich mit seiner Mutter im Hubschrauber mitfliegen und fragt den Polizisten, der ihn gefunden hat, ob er auch mitkommt, was dieser bejaht. Moment mal? Also, Patientin, Notarzt, Flug-Rettungsassistent, Pilot, das Kind – und der Polizist? Ist das ein Großraumhubschrauber?

Also, dieser erste Eindruck ist kein guter und etliche meiner Befürchtungen haben sich bestätigt. Ich lasse mich gern eines besseren belehren, deswegen werde ich mir noch die weiteren Folgen ansehen – wie lange ich es aushalte, bleibt abzuwarten. Bislang scheint es sich dabei nur um eine weitere tägliche Serie zu handeln, bei der „Realismus“ mit „ä“ geschrieben wird. Oder um es etwas blumiger zu sagen:

Wenn „Emergency!“ der edle Champagner unter den Rettungs-Serien ist, dann ist „112 – Sie retten Dein Leben“ ein Glas Ahoj-Brause, bei dem man allerdings sowohl das Wasser als auch die Brause vergessen hat und das Glas zudem schmutzig ist.

UPDATE: Ein genauerer Blick auf weitere Folgen dieser Serie hier: „‚112 – Sie retten dein Leben‘ – Eine genauere Kritik„.

UPDATE 2: Die neueste Entwicklung, was „112..“ betrifft, gibt es hier: „‚112…‘ zum Vierten: Sie rettet nun keiner„. Deswegen sind die Kommentare unten in diesem Beitrag geschlossen.